Perspektiven- und fächerübegreifendes Lernen im Kindergarten
Gedanken zum neu erschienenen Lehrmittel «Ethik und Religionen im Kindergarten»
Durch seine konsequente Ausrichtung an Fragen aus dem Kindergartenalltag ist das Lehrmittel hoch anschlussfähig an das perspektiven- und fächerübergreifende Lernen in den ersten Schuljahren. Es bietet aber auch wertvolle Unterrichtsmaterialien für ethisches und religionskundliches Lernen in höheren Klassen, indem es beispielsweise die Denkwerkzeuge nach Martens (Martens 1999) mit Symbolkarten zugänglich macht und mit weiteren Angeboten wie Bilderbuchhinweisen das Nachdenken über grosse Fragen für Kinder mit unterschiedlichen Lernniveaus unterstützt. Ausserdem verbindet das Lehrmittel die Kompetenzbereiche Ethik, religionskundliches Lernen und Gemeinschaft/Gesellschaft. Es macht damit aus fachdidaktischer Sicht einen wichtigen Entwicklungsschritt, die NMG Perspektive Ethik Religionen Gemeinschaft perspektivenübergreifend zu denken und zu vermitteln.
Aufbau des Lehrmittels
Ethik und Religionen im Kindergarten ist als Paperback Version erhältlich. Es enthält die folgenden Teile:
- Grundlagenkapitel: Einführung Unterricht in Ethik und Religionen in den Schuljahren 1 und 2 (Lehrplan, Werkzeuge, fachdidaktische Anliegen, usw.)
- Unterrichtsimpulse zu den 5 Themenkapiteln: Gemeinschaft, Tiere, Kleidung, Essen und Licht
- Situationen aus dem Kindergartenalltag, an denen mit Fragen angeknüpft werden kann und zu denen jeweils Hintergrundinformationen und ein Unterrichtsimpuls zu finden sind.
- Bilderbuchhinweise zu den Themenkapiteln
- Anregungen zu Spiel- und Lernlandschaften
- Je ein Frühlings- und Herbstplakat mit Situationen aus dem Kindergartenalltag
- Werkzeugkarten mit Symbolen zum Nachdenken und Erkunden als Kopiervorlage
Fragwürdiges im Kindergarten entdecken und die Fragen der Kinder aufgreifen
Das Lehrmittel orientiert sich konsequent an Fragen, die im Kindergarten auftauchen können. Wenn Kinder Fragen stellen und staunen, haben diese immer wieder auch einen philosophischen oder spezifisch ethischen Fragehorizont. Andere beziehen sich auf religiöse oder weltanschauliche Phänomene. So möchten Kinder, die einen toten Vogel finden, vielleicht wissen, warum Lebewesen sterben müssen, wie es kommt, dass Menschen nur gewisse Lebewesen begraben oder was es mit den Kreuzen an Grabstätten auf sich hat (vgl. Abbildung 1). Solche Fragen können Lehrpersonen herausfordern, bergen aber gleichzeitig wertvolle Lernchancen. Das Lehrmittel hilft in den Momenten des Staunens die Bezüge zu den im Lehrplan erwähnten Grunderfahrungen und Werten sowie zu religionskundlichen Phänomenen zu erkennen und den Bogen zu philosophisch, ethisch oder religionskundlich bedeutsamen Lerninhalten zu spannen. Die altersgerechten Unterrichtsideen unterstützen dabei, auch mit jungen Kindern grosse Fragen im Unterricht aufzunehmen und dabei passende Denk-, Arbeits- und Handlungsweisen zu erlernen. Die jungen Lernenden werden damit ermutigt, ihre Lebenswelt hinsichtlich philosophisch und religionskundlich Fragwürdigem zu erkunden und vermeintlich Selbstverständliches zu hinterfragen.

Abbildung 1: Fragwürdiges im Schulalltag erkennen
Philosophische, ethische und religionskundliche Fragen zum gemeinsamen Lerngenstand machen
Auch wenn Lehrpersonen ethische und religionskundliche Fragen im Kinderalltag erkennen und als wichtigen Lerngegenstand einschätzen, stehen sie angesichts der grossen Heterogenität von Kindern beim Schuleinstieg (vgl. bspw. Edelmann et al. 2018) vor der Herausforderung, dass daraus ein gemeinsam geteilter Lerngegenstand wird. Kinder von 4 bis 8 Jahren entwickeln auf unterschiedlichen Wegen ihre Möglichkeiten zur Versprachlichung, zur Abstraktion und zur Fähigkeit, über die eigene Wahrnehmung und Gefühlswelt hinauszudenken. Sie bringen zudem eine hohe Diversität an Erlebnissen und Erfahrungshintergründen mit. Das Lehrmittel wählt deshalb den geteilten Erfahrungsraum des Kindergartens als Ausgangspunkt für das gemeinsame Staunen und Nachdenken. Auf den beiden Plakaten im Lehrmittel sind typische Kindergartenszenen zu finden. Ausgehend von diesen Situationen werden Unterrichtsideen und Spielanlässe initiiert, um philosophische Gespräche, ethische Erwägungen oder religionskundliche Lernwege auszulösen und zu begleiten. Analog zum Lehrmittel Schauplatz Ethik werden damit Schauplätze ins Zentrum gerückt, zu denen alle Kinder Erfahrungen mitbringen. Wie im Lehrmittel Blickpunkt wiederum werden einzelne Phänomene und Szenen in den Fokus genommen und vertieft, die mit Bildern, Objekten und Repräsentationen von gleichaltrigen Kindern veranschaulicht werden. Dadurch dass die Schauplätze und Blickpunkte im Kindergarten verortet sind, kann an konkreten Erfahrungen aller Beteiligten angeknüpft werden. Gleichzeitig wird aber die Distanz zu den persönlichen Erlebnissen und der Privatsphäre der Kinder gewahrt. Eigene Erlebnisse können, müssen aber nicht eingebracht werden. Lehrpersonen finden zudem hilfreiche Hinweise zum Einsatz von Bilderbüchern. Die Bilder aus den Plakaten und die Geschichten können dabei helfen, sich in die Gedanken und Gefühle anderer hineinzuversetzen oder dies zu lernen. Sie dienen zudem dazu, während des Lernprozesses oder philosophischen Gesprächs von konkreten Situationen auszugehen und immer wieder auf diese Bezug nehmen zu können. Dadurch werden Denkwege vom Konkreten zum Abstrakten und Allgemeinen und wieder zurück erleichtert.
Fächerübergreifendes Lernen für die Kindergartenpraxis
Das Lehrmittel orientiert sich an der Kindergartenpraxis, in der fächer- und perspektivenübergreifend und oft auch im Rahmen von spontanen Erlebnissen und Spielsituationen gelernt wird. Die philosophischen, ethischen und religionsbezogenen Erkundungen stehen damit nicht im Sinne eines zusätzlichen «Fachs» in Konkurrenz zum gesamtheitlichen Lernen und Spielen im Kindergarten. Fragen und Lerninteressen der Kinder können aufgegriffen werden, spontan oder geplant und falls erwünscht integriert in Lerninhalte und Themenfelder oder Spielsituationen. Hilfreich ist hier einerseits, dass das Lehrmittel zu vielen Unterrichtsbausteinen Ideen für offene Lern- und Spiellandschaften anbietet. Ausserdem sind die ausgewählten Themen anschlussfähig an allgemeine Jahresplanungen im Kindergarten. So knüpft das Lehrmittel beispielsweise mit Fragen zum Samichlaus oder zum Znüni an Situationen an, die in vielen Kindergärten Teil der Tages- oder Jahresplanung sind. Lehrpersonen finden im Lehrmittel eine Tabelle, welche typische Lerninhalte und Anlässe (z.B. Samichlaus oder Regeln) mit den passenden Themenkapiteln verbindet. Die Verknüpfung mit ethisch philosophischem und religionskundlichem Lernen eröffnet dabei die Möglichkeit, dass Alltägliches staunenswert wird, hinterfragt werden kann und mehr Tiefgründigkeit erhält.
Denkstrategien erlernen – anschaulich umgesetzt mit Symbolkarten
Um das vertiefte Nachdenken über gemeinsame Fragen zu unterstützen, arbeitet das Lehrmittel mit den philosophiedidaktischen Denkwerkzeugen nach Martens (Martens, 1999). Die unterschiedlichen Zugänge sind für die jungen Lernenden mit Symbolen auf Karten visualisiert. Für die Lehrpersonen ist hilfreich, dass auf der Rückseite der Karten passende Auftrags- und Satzbausteine zu finden sind, mit denen sie das Lernen der Kinder begleiten können. Die Karte zur Phänomenologie zeigt beispielsweise ein Auge und ein Ohr und lädt die Kinder damit ein, genau hinzuschauen, zu hören, zu fühlen und eigene Wahrnehmungen, Erfahrungen und Erlebnisse einzubringen. Die Karte mit zwei Kindern verweist darauf, sich in die Gedanken, Handlungen und Gefühle von anderen Menschen hineinzuversetzen (Hermeneutik). Mit den Symbolkarten «Sortieren» und «Namen geben» lernen die Kinder analytische Denkweisen, beispielsweise, wenn sie verschiedene Abschiedsrituale vergleichen oder darüber nachdenken, was eigentlich «Leben» bedeutet, um beim oben erwähnten Beispiel zu bleiben. Schliesslich üben sich die Schüler:innen auch in der Spekulation, symbolisiert durch einen Zauberstab. Diese könnte zum Beispiel eingesetzt werden bei der Frage, wie wohl die Welt aussehen würde, wenn alle Lebewesen ewig leben würden. Die Karten können explizit eingesetzt werden, um die Schüler:innen dabei zu unterstützen, unterschiedliche Denkstrategien zu nutzen. Sie helfen gleichzeitig der Lehrperson, kognitiv aktivierende Fragen zu formulieren, das Gespräch zu moderieren und damit die Nachdenklichkeit mit verschiedenen Zugängen zu vertiefen. Gleichzeitig erleichtern sie Lehrpersonen, in Gesprächen und Lernprozessen die unterschiedlichen Gedankengänge der Kinder zu erkennen und allfällige Lernunterstützungen einzuplanen. Das Lehrmittel bietet Tipps, wie die Denkwerkzeuge und Karten anhand zweier Bilderbücher eingeführt werden können und wie die Kinder damit beim Lernen begleitet werden können.
Ethik Religionen Gemeinschaft perspektivenübergreifend unterrichten
Während sich die Lehrmittel für die Primar- und Sekundarstufe jeweils auf das religionskundliche Lernen in der Lehrmittelreihe Blickpunkt und das ethische Lernen im Lehrmittel Schauplatz Ethik fokussieren, werden im neuen Lehrmittel für den Kindergarten die unterschiedlichen Fachanliegen an einem Phänomen oder Erlebnis aus dem Kindergartenalltag verknüpft. Dadurch wird das Fach Religionen Kulturen Ethik der Volksschulstufe im Kanton Zürich erstmals als Einheit gedacht und perspektivenübergreifendes Lernen vereinfacht. Auf die Spezifika der einzelnen Lerninhalte wird dabei hingewiesen. So ist es beispielsweise beim ethischen Abwägen, wie mit Tieren umzugehen ist, ein mögliches Lernziel, dass Kinder verschiedene Argumente abwägen und zu einem eigenen Urteil kommen. Beim Erkunden von (religiösen) Festen und ihrer Bedeutung für einzelne Menschen zielt der Lernprozess darauf ab, dass die Schüler:innen im Sinne einer religionskundlichen Rahmung des Unterrichts religiöse Phänomene wahrnehmen, einordnen und ihnen als Teil ihrer Lebenswelt kompetent begegnen können. Die Unterscheidung in die drei Fragekategorien des Philosophierens, der Ethik im Speziellen und der religionskundlichen Aspekte unterstützt die Lehrpersonen, ihren Unterricht zu strukturieren und unterschiedliche Lernchancen zu erkennen. Gleichzeitig sind die Fragen nicht trennscharf. So werden viele der philosophischen und ethische Fragen auch religionsbezogene Aspekte enthalten und umgekehrt.
Im Zentrum des Lehrmittels steht das Lernen in den Kompetenzbereichen «Grunderfahrungen, Werte und Normen erkunden und reflektieren» und «Religionen und Weltsichten begegnen» (NMG.11 und NMG.12 im Zürcher Lehrplan, BD Kanton Zürich 2017), wobei es sich bei der Unterscheidung in philosophische und ethische Fragen am Lehrplan orientiert (menschliche Grunderfahrungen und Auseinandersetzung mit Normen und Werten und den daraus folgenden Handlungen). In einem eigenen Kapitel mit den leitenden Fragen «Wer gehört dazu?», «Wieviel Ordnung brauchen wir?» oder auch «Wie können wir gut zusammenspielen» wird auch die Gemeinschaft (NMG.10 im Zürcher Lehrplan, BD Kanton Zürich, 2017) thematisiert. So erkunden die Kinder beispielsweise ausgehend von der Situation «Gemeinsam im Kindergarten» Fragen zur Gemeinschaft, Identität, Zugehörigkeit und Teilhabe.
Das Lehrmittel macht einen ersten wertvollen Schritt hinsichtlich einer Integration der unterschiedlichen Fachperspektiven. Es wird spannend sein, ob und wie zukünftige fachdidaktische Entwicklungen und Lehrmittel den Steilpass aufnehmen, die Integration der beiden Fachanliegen weiterdenken und dabei auch Aspekte der Gemeinschaft/Gesellschaft noch systematischer integrieren.
Die Bedeutsamkeit des ethischen und religionskundlichen Lernens stärken
Auf Grund der bereits genannten Aspekte ist das Lehrmittel ein wichtiger Beitrag, um ethischen und religionskundlichen Fragen kindgerecht zu begegnen. Dabei gibt es nicht nur für die ersten beiden Schuljahre Anregungen: Viele der handlungsorientierten Unterrichtsideen und insbesondere auch die Werkzeugkarten, die zum Nachdenken anregen, sind auf den inklusiven Unterricht in höheren Klassen übertragbar. So können auch Schüler:innen der Unterstufe mit Deutsch als Zweitsprache davon profitieren, wenn die Denkwerkzeuge die verschiedenen Zugänge zu einer Frage mit Symbolen veranschaulichen, oder auch wenn philosophische Fragestellungen durch Rollenspiele, Standbilder, Zeichnungen, usw. erkundet werden.
Es ist Lernenden von 4-8 Jahren zu wünschen, dass möglichst viele Lehrpersonen durch das Lehrmittel inspiriert werden. Durch die Ausrichtung auf die Fragen aus dem Alltag könnten dadurch viele junge Denker:innen bereits im Kindergarten erleben, dass sie Teil einer grossen Gemeinschaft von Fragenden jeden Alters sind und ihre philosophischen und religionskundlichen Fragen ernst genommen werden. Wenn sie die Möglichkeit erhalten, das gemeinsame Nachdenken, Argumentieren und Abwägen, sowie den Umgang mit unterschiedlichen Weltanschauungen und Traditionen einzuüben, erlernen sie Kompetenzen, welche unabdingbar sind in einer Zeit der Transformationen, in der Wissen in Sekundenschnelle verfügbar ist und die Fähigkeit an Bedeutung gewinnt, mit kontroversen Meinungen und vielfältigen Weltanschauungen umzugehen und Argumente fundiert abzuwägen. Dass bereits junge Lernende daran interessiert sind und alle Beteiligten dabei viel und von und miteinander lernen, zeigen die Erprobungen.

