«Das beste Geschenk»?


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«Das beste Geschenk»?

Warum ‚Das beste Geschenk‘ von Debora Bär und Debora Masselink kein so gutes Geschenk für den NMG-Unterricht ist.

Bär, Debora / Masselink, Debora: Das beste Geschenk. Ein Buch über Gottes Geschichte mit den Menschen, Marburg an der Lahn: Francke-Buch 2021.
Von Jacqueline Hindle

Medienstellen für „Religionsunterricht“ (so in der beigelegten Karte zum Lehrmittel) und Primarschulen der Deutschschweiz haben dieser Tage ein Paket zugeschickt bekommen, auf dem in geschwungener Schrift ‚Geschenk für dich!‘ steht. Das Lehrmittel soll gemäss eigenen Angaben an alle Medienstellen und Schulen der Deutschschweiz gegangen sein. Die dem Paket beigelegte Karte verspricht ein Bilderbuch, ein Sachbuch und ein Lehrmittel in einem. Beigelegt ist auch ein Lehrerkommentar (sic!). Ganz praktisch also scheint es: ein Lehrmittel, das auf spielerische und kindgerechte Art sowie mit hübschen Illustrationen den Lehrpersonen einen sachbezogenen Unterricht über das Christentum, seine Rituale und Feste im Jahreskreis sowie seine theologischen Grundüberzeugungen ermöglicht und dazu noch – ganz nebenbei – die Teilbereiche Ethik und Gemeinschaft mit abhandelt.

Kann das Buch also im Unterricht des Fachs Natur, Mensch, Gesellschaft (NMG) an öffentlichen Schulen ohne Weiteres eingesetzt werden? Nein:

Der Teilbereich Ethik, Religionen, Gemeinschaft im Fach NMG hat laut Lehrplan21 „einen Unterricht über Religionen“[1] zum Ziel. Es handelt sich ausdrücklich nicht um Religionsunterricht als einen Unterricht in Religion, da die religiöse Unterweisung einerseits in den Erziehungsbereich der Eltern und andererseits in die Hoheit der verschiedenen Glaubensgemeinschaften in der Schweiz fällt.[2]

Kinder, die mit dem Buch ‚Das beste Geschenk‘ an öffentlichen Schulen arbeiten, lernen christliche Glaubenssätze wie z.B., dass Jesus allen helfen will (SchülerInnenbuch S. 28) oder dass Gott Regeln erlassen hat, die Böses und Schlechtes verbieten, da Böses und Schlechtes des Teufels seien (SchülerInnenbuch S. 16). Der Beispiele wären viele mehr zu nennen. Zwar weisen die beiden Autorinnen im Kleingedruckten des LehrerInnenkommentars auf den Unterscheid zwischen einem teaching about religion und einem teaching in religion hin, aber das Buch müsste völlig umgeschrieben werden, wollte man Ersteres verfolgen.

Mit dem vorliegenden Buch ‚Das beste Geschenk‘ sind die Ziele betreffs religiöser Bildung im Lehrplan21 definitiv nicht zu erreichen. Das Buch vermittelt ausschliesslich innerreligiöse Glaubensätze der christlichen Religion und vermag auch innerhalb eines christlich-katechetischen Unterrichts kaum die gesamte Bandbreite der in der Schweiz vorherrschenden christlichen Traditionen zu repräsentieren. Das Buch legt eine äusserst einseitige fundamentalistische Bibelinterpretation nahe, die einer historisch-kritischen Lesart diametral entgegensteht.

Auch bei einem Blick über den Kompetenzbereich ‚Religionen und Weltsichten begegnen‘ (NMG 12) hinaus auf die Kompetenzbereiche ‚Gemeinschaft und Gesellschaft – Zusammenleben gestalten‘ (NMG 10) oder ‚Grunderfahrungen, Werte und Normen erkunden und reflektieren‘ (NMG 11) wird deutlich, dass sich die einseitige, christlich-fundamentalistische Haltung durchzieht. Der LehrerInnenkommentar behauptet, dass Religion die kindliche Vertrauensbildung stütze, die Resilienz stärke und Wesentliches zur Selbstwerdung des Kindes beitrage.[3] Diese Aussagen sind ohne Nennung wissenschaftlicher Belege unhaltbar.

Darüber hinaus ist das im Buch vermittelte Menschen- und Gesellschaftsbild nicht zeitgemäss. Es wirft zwar die Frage nach den Herausforderungen des menschlichen Zusammenlebens auf, beantwortet diese aber weder kindgerecht noch didaktisch-methodisch annehmbar. Beispielsweise liefert es auf die komplexe Frage, wie Zusammenleben für alle angenehm gestaltet werden kann, nur eine Dichotomie von Gut und Böse (wobei z.B. auf der Doppelseite des Schweren und Bösen eine geschiedene Familie zu finden ist), deren Auflösung darin besteht, zum – notabene christlichen – Gott zu finden. Zahlreiche Kinder in allen Schulklassen der Schweiz werden so in ihrer sozialen und (a)religiösen Lebenswelt nicht abgeholt. Im Klassenverband lassen sich keine Handlungsoptionen reflektieren, wenn christliche (Hetero-) Normativität die Lösung in einer auch religiös vielgestaltigen Welt sein soll.

Diese Befunde werfen die Frage nach der Absicht der Autorenschaft und der geldgebenden Personen des Buchs auf. Leider ist auf der Webseite www.dasbestegeschenk.ch[4] nicht ersichtlich, wer hinter dem herausgebenden Verein steht. Der Verlag ist landläufig bekannt für ausschliesslich christliche Literatur, unter anderem auch aus evangelikaler Feder. Dies legt den Schluss nahe, dass das Lehrmittel in missionarischer Absicht in die Schulhäuser der öffentlichen Schule gelangt. Dort gehört es aus den dargelegten Gründen nicht hin.

Anmerkungen

[1] Lehrplan 21; Natur, Mensch Gesellschaft; Bedeutung und Zielsetzungen. Auf: https://be.lehrplan.ch/index.php?code=e|6|2, 8.11.2021. (kursiv J.H.)
[2] Vgl. Lehrplan 21; Natur, Mensch Gesellschaft; Bedeutung und Zielsetzungen. Auf: https://be.lehrplan.ch/index.php?code=e|6|2, 8.11.2021. In der Religionspädagogik wird zwischen teaching in religion und teaching about religion unterschieden, religionswissenschaftlich spricht man vom emischen oder etischen Blickwinkel (Innen- oder Aussensicht).
[3] Vgl. Einband des LehrerInnenkommentars.
[4] Zugriff am 8.11.2021.
Artikelnachweis
Hindle, Jacqueline (2021). «Das beste Geschenk»?, in: erg.ch – Materialien für das Fach Ethik, Religionen, Gemeinschaft (Online-Publikation), LINK zum Artikel

Über Jacqueline Hindle

Jacqueline Hindle, Studium der Geschichte und Religionswissenschaft, ist Gymnasiallehrerin und Mitarbeiterin des Fachbereichs Medien und Beratung Religion, Ethik, Lebenskunde (MBR) am Institut für Weiterbildung und Medienbildung der Pädagogischen Hochschule PHBern.