Empathie


Empathie

Ein Unterrichtsimpuls mit dem Videoclip «What it’s like» von Everlast

Mit Hilfe einer vertieften Analyse des Videoclips «What it’s like» des Sängers Everlast sollen die Schülerinnen und Schüler lernen, sich ebenso kognitiv wie emotional in die Perspektive der Akteurinnen und Akteure des Clips hineinzuversetzen.
Von Andreas Kessler

1. Empathie

Im LP21, ERG, Kompetenz 2.2 (ethische Urteilsbildung) wird als Kompetenzstufe die Fähigkeit angestrebt, dass Schülerinnen und Schüler «erlebte, beobachtete oder erzählte Situationen anhand der Perspektiven verschiedener Beteiligter beurteilen [können]». Damit diese hier primär kognitiv verstandene Perspektivenübernahme als Fähigkeit auch handlungswirksam wird, braucht es seitens der Handelnden genauso Empathiefähigkeit: «Ethisches Handeln setzt die Fähigkeit voraus, überhaupt eine Wahrnehmungsfähigkeit für die Verletzbarkeit menschlichen Lebens entwickeln zu können.» (Knauth 2015, S. 202). Dass bei der ethischen Urteilsfindung immer auch Empathie als Fähigkeit emotionaler Perspektivenübernahme gefragt ist, versteht sich von selbst, ansonsten kommt man zu Urteilen, die für sich genommen vielleicht rational gut begründbar sind, aber der aktuellen Situation der Beteiligten überhaupt nicht entsprechen. Freilich müssen sich kognitive Perspektivenübernahme und affektiv-emotionale Empathiefähigkeit nicht ausschliessen, im Gegenteil: dies zeigen z. B. die Erfahrungen mit Empathie-Trainings wie Cognitively-Based Compassion Training (CBCT) (vgl. Spiegel 2015).

In Kapitel 3 wird ein Vorschlag gemacht, wie man mit dem Video «What it’s like» von Everlast die Schülerinnen und Schüler für die Dimension der Empathie sensibilisieren und diese als integralen Bestandteil ethischer Urteilsfindung einführen kann. Vorgängig soll aber der Videoclip genauer analysiert werden im Sinn einer exemplarischen Vorbereitung seitens der Lehrperson, wenn sie mit einem solchen Medium arbeiten will.

2. Der Videoclip – Analyse und Interpretationen

Der Song «What it’s like» findet sich auf der CD «Whitey Ford sings the Blues» von Everlast aus dem Jahr 1998. Das Video von Regisseur Frank Sacramento ist auf der Videoplattform YouTube zugänglich:

Link zum Video: www.youtube.com/watch?v=FMYz5SteBBY

Freilich ist der Song und der Clip in die Jahre gekommen, was die Arbeit mit ihm aber nicht obsolet macht, im Gegenteil: Der Song war zu seiner Zeit ein Hit und hat musikalisch durchaus Qualitäten, d. h. er kann als «Klassiker» auch heutige Schülerinnen und Schüler ansprechen. Einerseits nimmt man ein Leitmedium der Jugendkultur auf (Videoclip), andererseits entsteht durch die Wahl des Clips weder die Gefahr der Anbiederung noch der als inadäquat empfundenen Einmischung in die aktuelle Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler.

Everlast (eigentlich Erik Shrody, geb. 1969) stammt aus dem Milieu des sogenannten «white trash», der weissen Unterschicht Amerikas, die mit den Problemen Arbeitslosigkeit bzw. «Working Poor», Gewalt, Drogen, Konflikte zwischen Schwarz und Weiss etc. konfrontiert ist. Everlast beschreibt als weisser Rapper/Hip-Hopper in seinen Liedern dieses Milieu, er verherrlicht es aber keineswegs, sondern ist dessen singender Anwalt. Aber nicht nur: Everlast ist auch ein Sinnsucher, der sich die grossen Fragen stellt, d. h. insbesondere auch religiöse. Sein Hinwendung zum Islam im Jahr 1998 (er distanziert sich aber von jeglicher organisierter Religion) war jedenfalls das Ergebnis einer intensiven Beschäftigung mit dem woher, wohin und wozu seiner eigenen Existenz. Seine Musik und seine Texte bieten dementsprechend einen Mix aus sozialen und existentiellen Themen. (zur Biographie von Everlast vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Everlast)

Narratives Videoclip – Everlast als invisible observer

Der Clip gehört zur Kategorie der narrativen Videoclips und gleichzeitig bedient er sich des Genre des Präsentationsvideos: Everlast erzählt singend drei Episoden, wobei zwischen den Protagonisten der Geschichten und ihm regelmässig hin und her geschnitten wird. Seine beobachtende und erzählende Figur macht ihn zu einem integralen Teil der Geschichte, eine Qualität, die den meisten reinen Präsentationsvideos abgeht.

Everlast erzählt (ich verbinde hier Clip mit Text) drei Episoden:

  1. Ein Clochard, der sich mit einem Einkaufswagen, in dem seine Habseligkeiten sind, durch eine Grossstadt kämpft, um Geld bettelt, dabei mit dem Hinweis abgewiesen wird, er solle sich doch Arbeit besorgen.
  2. Eine junge schwangere Frau, die von ihrem Freund verlassen wurde und vor der Entscheidung steht abzutreiben, irrt ebenfalls durch die Grossstadt, studiert einen Zettel – die Adresse der Abtreibungsklinik? – und scheint nicht zu wissen, was sie nun tun soll.
  3. Ein junger, gepiercter Mann, aggressiv und frustiert, kämpft sich regelrecht durch die Grossstadt. Der Text erzählt, wie er – Familienvater, Freund von Drogen und Gewalt – bei einer Schiesserei um’s Leben kam, im Clip wird diese Szene jedoch nicht visualisiert.

Diese drei Episoden verbindet der Clip insofern, als er a) die einzelnen Personen in die Geschichten der jeweils anderen Protagonisten hineinschneidet, b) alle drei Figuren nicht nur in der Grossstadt, sondern auch in einer öden, wüstenähnlichen und mit Schrott aller Art durchsetzten, an einem Wasser liegenden Landschaft auftreten lässt, c) dieselben Personen einzeln Unterwasser gezeigt werden und d) alle drei am Schluss gemeinsam in ein Schaufenster starren, in dem eine weisse, amerikanische, «perfekte» Kleinfamilie am Tisch sitzt. Jedoch treten die Protagonisten nie in direkten Kontakt zueinander: unwissende Verbundenheit in der Einsamkeit.

Der Sänger Everlast ist bei all diesen Szenen dabei. In einem Interview, das ich zufällig gesehen habe, bezeichnete Everlast seine Rolle im Song wie im Clip treffend als die des invisible observer. Er erzählt beobachtend die Geschichten der drei Protagonisten, ist in ihrer Nähe, ohne von ihnen bemerkt zu werden oder mit ihnen in direkten Kontakt zu kommen. In der Schlussszene (Schnitte 130/132, vgl. MB Storyboard, www.ethik-religionen-gemeinschaft.ch/wp-content/uploads/2017/05/MB-Storyboard.docx) kommen alle vier vor dem Schaufenster zusammen, der Erzähler solidarisiert sich mit seinen Protagonisten, er nimmt den gleichen Standpunkt, dieselbe Perspektive ein. Gleichzeitig geht er in Text und Clip auf Distanz: er selber hat bereits alles gesehen und erlebt: Ich habe die gute Seite des Schlechten gesehen / Und die Talsohle des Gipfels / Und alles dazwischen.

Diese auktoriale Erzählperspektive des unsichtbaren Beobachters, der das Leben in seinen Höhen wie Tiefen kennen gelernt hat, funktioniert als Everlasts Rechtfertigung, das Elend dieser Welt aufzuzeigen, seine Solidarität gegenüber den Verlierern auszusprechen und so den Rezipienten aktiv einzubinden, indem er diesen fiktiv fragt: Weisst du, wie es ist den Blues zu haben («to have the blues»), schwerwiegende Entscheidungen zu treffen («to have to choose»), und ein Verlierer zu sein («to have to loose»)? Wenn nicht, dann höre mir zu und schau dir mein Video an!

Die Struktur des Textes

Der Text ist sowohl im englischsprachigen Original als auch in einer deutschen Übersetzung leicht auf dem Internet zu finden (z. B. www.songtexte.com/songtext/everlast/what-its-like-53d9370d.html)

Der Song ist dem Sprechgesang des Hip-Hop verpflichtet und entsprechend rhythmisch kommt der Text daher, unterstützt durch die (jedoch nicht ermüdende) Strophenabschlüsse in Endreimen. Der Text hat zudem eine klare Struktur, die sich an den Protagonisten orientiert (Strophe und Refrain) – unterbrochen vom autobiographischen (ein sog. «Testimonial») Text Everlasts, dessen Schlusszeile den ganzen Clip thematisch zusammenhält. Der Refrain bezieht sich in seinen Schlusszeilen jeweils auf eine der drei Personen und gibt deren grundlegendes Thema/Problem an:

A1 Der Clochard
Strophe (1)
Refrain («what it’s like to sing the blues») (2)
A2 Junge, schwangere Frau
Strophe (3)
Refrain («what it’s like to have to choose») (4)
B Everlast
Strophe (Testimonial: «Yo, it usually depends on where you start») (5)
A3 Junger Typ (Max)
Strophe (6)
Refrain («what it’s like to have to loose») (7)

Die derbe Sprache des Textes

Die Sprache von «What it’s like» ist die Sprache der Strasse, d. h. sie nennt die Dinge explizit beim Namen und dies oft im Idiom des Slang. Dementsprechend ziert das CD-Cover die Warnung (an die Eltern) vor explicit lyrics. In den USA (im Gegensatz zu Europa) werden beim Ausstrahlen der Videos z. B. auf YouTube diese Ausdrücke und Wortkombinationen durch ein scratchen unhörbar gemacht. Bei Everlast ist der Text nicht primär ein Mittel zur Provokation, sondern er singt so wie ihm der Schnabel gewachsen ist, d. h. seine Sprache ist die Sprache von Millionen von heutigen Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Wenn von «Eiern abschneiden», «sich besaufen», «Hure» etc. gesungen wird, fragt sich, ob dieses Video überhaupt in der Schule eingesetzt werden kann. Meine Erfahrungen mit dem Video in der Schule zeigten, dass die Jugendlichen diese Sprache als die Ihrige betrachten und entsprechend unverkrampft mit dem Text umzugehen wissen.

Die Musik

Wer «What it’s like» zum ersten Mal hört, begegnet zuerst einer hellen akustischen Gitarre, gefolgt von einem dumpfen, dunklen und eindringlichen, inhaltlich aber nicht musikalisch aggressiven Sprechgesang, der periodisch (meist am Ende der einzelnen Texteile 1–7) immer wieder von der Helle der Gitarre durchbrochen wird. Musikalisch bietet Everlast hier einen Mix aus ursprünglich schwarzem Hip-Hop und Elementen weisser Singer-Songwriter Tradition, bildlich wird dies durch die verschiedenen Outfits des Sängers umgesetzt (mal mit Cowboyhut, mal mit Baseballkappe). D. h. Everlast verbindet hier zwei Stilrichtungen, die für ihn biographisch prägend waren: Er begann als Hip-Hopper bzw. Rapper, weil er hier eine Möglichkeit sah, die Sprache der Strasse in zeitgenössischer Form in Musik zu giessen. Andererseits besann er sich der Tradition der weissen Songwriter, die bereits in den 70er Jahren in einem Mix aus Country, Rock und Pop (so z. B. der für Everlast wichtige Neil Young) eine inhaltlich sozialkritische Musik machten, die Geschichten von Menschen am Rand der Gesellschaft erzählte. Der musikalische Mix von «What it’s like» ist also eine bewusste Option für eine sozialkritische Musik «von unten» und dieser Mix ist – das sind sich auch die Experten einig – gelungen.

Die Struktur des Clips

Das Video hat eine Laufzeit von 5’03“ und wird durch 133 Schnitte rhythmisiert, vgl. dazu das Materialblatt (MB Storyboard, www.ethik-religionen-gemeinschaft.ch/wp-content/uploads/2017/05/MB-Storyboard.docx). Das Erstellen eines Storyboards ist aufwändig und sicher nicht immer von der Lehrperson zu leisten. Dennoch: Wer einen Clip in seinen Feinheiten verstehen und ihn entsprechend analysieren will, sollte von diesem Arbeitsinstrument nicht absehen. Die Struktur des Clips lehnt sich stark an den Text an. Dennoch sind auch deutliche Unterschiede auszumachen.

Der Clip unterscheidet sich durch die Einrahmung des Textes mit einem Intro und einem Schluss. Im Intro werden werden Sänger, die junge schwangere Frau sowie der junge Typ (Max) kurz eingeblendet, bevor die Geschichte vom Clochard erzählt wird. Am Schluss verlässt Everlast lautlos die öde Gegend, er hat sein Lied – seine Botschaft – gesungen.

Der Clip setzt einen ganz neuen Teil ein, die sog. Schaufensterszene mit der perfekten Familie. Der ganze Clip steuert auf diese Szene zu, indem er von Schnitt 20 an eine zuerst undeutliche und dann immer klarere Spur zu dieser Szene legt (33/87/106/117–132). Durch die Hinführung zu dieser Szene erhält der Clip eine im Gegensatz zum Text neue formale wie inhaltliche Dramaturgie mit entsprechendem roten Faden, der die drei in sich abgeschlossenen Episoden verbindet.

Visuell substrukturiert wird der Text durch die drei Hauptsettings öde Landschaft, Grossstadt und Wasser, wobei jedoch keine Regelhaftigkeit diesen Settingeinsatz bestimmt, mit einer Ausnahme: das Wasser. Das Wasser bestimmt den Teil B, das sog. Testimonial. Everlast taucht im Text wie im Bild hier in seine eigenen Erinnerungen ab.

Weitere visuelle Substrukturierungen werden durch die dauernde Präsenz von Everlast sowohlin den drei Hauptsettings wie auch in den drei verschiedenen Singposen erreicht: in öder Landschaft, in einem heruntergekommenen Zimmer (weisses T-Shirt, Baseballmütze), in einem nicht näher definierten Raum (rotes Hemd). Auch dieser Einsatz folgt keinem klar ersichtlichen Strukturprinzip.

Letztlich ist auf die visuelle Verschränkung der drei Protagonisten hinzuweisen; von Beginn des Clips an werden in die jeweilige Geschichte der einen Person die beiden anderen eingeblendet und so miteinander in Verbindung gebracht, ohne jedoch direkt zusammen zu kommen, auch am Schluss nicht, wo sie alle vor dem Schaufenster stehen.

Der Clip lässt sich also wie folgt strukturieren:

X1 Intro
Schnitte 1–12 / ohne Text, Gitarrenintro
A1 Clochard
Schnitte 13–44 / Textteile 1–2
A2 Junge, schwangere Frau
Schnitte 45–74 / Textteile 3–4
B Everlast, Testimonial
Schnitte 75–96 / Textteil 5
A3 Junger Typ (Max)
Schnitte 97–115/ Textteil 6
C Schaufenster, Die «perfekte» Familie
Schnitt 116–132 / Textteil 7
X2 Out, Abgang von Everlast
Schnitt 133 / ohne Text, ohne Musik

Divergenzen zwischen Text und Clip

Der Clip ist primär eine Visualisierung des Textes. Im Unterschied zum Text prägen den Clip – wie eben gezeigt – zwei entscheidende Stilmittel, ein symbolisches (Wasser) und ein narratives (Schaufensterszene). Hierzu noch einige Bemerkungen:

Das Wasser ist ein ambivalentes (Ur-)Symbol, im Wasser und durch das Wasser wird geboren/erschaffen (das Wasser des Lebens) und gestorben/vernichtet (das Wasser des Todes). Diese Ambivalenz wird im Video-Clip deutlich: die drei Protagonisten und Everlast tauchen ins Wasser ein, als ob sie ihr Schicksal vergessen, ihr Leben sterben möchten: ausdruckslos, ja fast apathisch sinken sie im Wasser. Gleichzeitig nimmt das Wasser die vier Personen auf, es bietet ihnen einen Raum der Geborgenheit, quasi embryonal. Das Wasser ist im Gegensatz zur öden Landschaft und der Grossstadt der Ort der Regeneration, der Frische. Das Blau des Wassers verstärkt die Ambivalenz des Wassersymbols: unendliche Sehnsucht und dunkle Tiefe. Nicht von ungefähr singt Everlast sein «Testimonial» zur Hauptsache im Wasser, bietet dieser Textteil doch eine Aneinanderreihung von persönlichen, konträren Erlebnissen (arm – reich / froh – traurig / Lüge – Wahrheit etc.).

Durch das Wassersymbol verstärkt der Clip also die düsteren, bedrohlichen, weil schier ausweglosen Geschichten des Textes, öffnet aber gleichzeitig den Raum für Hoffnung oder zumindest für die Sehnsucht nach einem anderen – besseren – Leben. Der Text als solcher transportiert diese Sehnsucht nicht.

Die Schaufensterszene, auf die der Clip hinsteuert eröffnet einen neuen, insbesondere gesellschaftskritischen Interpretationshorizont, den der Text nicht bietet. Die drei Protagonisten starren zusammen mit vielen anderen Menschen am Schluss in ein Schaufenster, in dem eine weisshäutige, weiss gekleidete, gut angezogene Familie (Vater, Mutter, Sohn, Tochter) an einem Glastisch isst und spricht. Schaufenster dienen ja bekanntlich dem Ausstellen von Produkten, verbunden mit einer Aufforderung zu einem gewissen Lifestyle. Diese Familie nun verkörpert den amerikanischen Traum der erfolgreichen Kleinfamilie, in der alles stimmt: Die Mutter und Hausfrau – vornehm die Beine übereinander gekreuzt – quittiert die ach so lustigen Erzählungen ihres erfolgreichen und familienbewussten Mannes mit einem Lächeln, ebenso die artig sitzenden Kinder. Hier hat niemand den Blues, niemand muss schwierige Entscheidungen treffen und schon gar nicht haben wir es mit Verlierern zu tun.

Die Familie funktioniert also als ein Gegenbild zu den drei Protagonisten, aber sie wird im Clip nicht als Leit- oder Vorbild dargestellt, im Gegenteil: diese Idylle ist unwirklich wie die Welt der Schaufenster, sie ist genauso künstlich wie der Glastisch und sie ist in einem Mass unerreichbar rein wie die Kleider der Familie. Was hier zelebriert wird, hat mit der Realität der meisten Menschen nichts zu tun – schon gar nicht mit den drei Protagonisten des Clips.

Die Familie verkörpert vielmehr ein Ideal im Glaskäfig und wird so zum Ausdruck einer gesellschaftlichen Lüge. Diese (vor allem auch amerikanische) Lüge von der Definition (Wohlstand und sog. intakte Familie) wie Erreichbarkeit und Produzierbarkeit (entsprechend dem Credo «you can do it if you want») einer bestimmten Form von Glück wird im Clip als ideologische Mogelpackung entlarvt. Der gesellschaftlichen Anpreisung und dem Verkauf dieses Ideals fehlt die Einsicht, die Everlast am Schluss seines Testimonials formuliert: «Yo, it usually depends on where you start.» Resultat dieser fehlenden Einsicht sind Arroganz verbunden mit mangelnder persönlicher Empathie wie gesellschaftlicher Solidarität: Eine Gesellschaft von Einzelkämpfern, die einzelne Gewinner, aber vor allem viele Verlierer produziert, auch auf Seiten der Weissen. Bewusst hat Everlast drei weisse Protagonisten gewählt, denen es schlecht geht und die der gesellschaftlichen Unterschicht (dem sog. «white trash») zuzuordnen sind (bei der schwangeren Frau ist dies nicht deutlich). Er solidarisiert sich somit mit seinen eigenen Wurzeln und verabschiedet entschieden das irreale Schaufensterglück gesellschaftlicher, kapitalistischer Projektion.

Themen

Text wie Clip präsentieren eine Vielzahl von Themen; diese werden – cliptypisch – nicht mit Tiefgang abgehandelt, sondern funktionieren als Denkanstösse, als Pro-vokationen im eigentlichen Sinn, welche die Rezipientinnen und Rezipienten herausfordern und entsprechend nachdenklich stimmen sollen. Folgende Liste von Themen in Verbindung mit den jeweiligen Personen/Settings lässt sich erstellen:

Personen
Themen
Clochard Armut, Arbeitslosigkeit, Soziale Gerechtigkeit, Alter
Junge, schwangere Frau Schwangerschaftsabbruch, Freundschaft, (verratene) Liebe, Ent-täuschung, Last
Junger Typ Gewalt (Aggression und Frustration), Verlierer-Gewinner («just do it» / «you can do it if you want»-Ideologie), Körperschmuck
Alle drei zusammen Lebenskampf, Suche nach Orientierungen, gesellschaftliche Stigmatisierung, Einsamkeit, «white trash»
Everlast Soziale Anwaltschaft, Empathie, Solidarität
Familie Ideale, Reinheit, Arroganz, Selbstgerechtigkeit, Künstlichkeit, «American Dream», «Perfekte Familie», Wohlstand, Werte
Settings
Themen
Grossstadt Anonymität, Einsamkeit
Öde Landschaft Wüste, Einsamkeit, Unwirtlichkeit, Vergänglichkeit, «Abfall»
Wasser Symbol Wasser, Leben, Tod, Vergessen=Abtauchen, Symbolfarbe blau
Würdigung und Kritik mit Blick auf den Einsatz im Unterricht

Der Clip bietet sich aus mehreren Gründen für den Einsatz im Unterricht an:

  • Die Protagonisten sowie die gezeigten Settings des Clips lösen Betroffenheit und Fragen aus: Man will mehr über sie wissen. Das bedeutet auch, dass der Clip als narratives Video nach dem Text verlangt.
  • Clip wie Text haben eine klare, erkennbare Struktur, die von den Schülerinnen und Schülern relativ leicht erarbeitet werden kann. Somit wird der Zugang zum Clip und dessen Analyse erleichtert.
  • Die Unterschiede zwischen Clip und Text sind einerseits minim, andererseits als solche aber von entscheidender Bedeutung und zudem für die Schülerinnen und Schüler klar erkenn- und entsprechend deutbar.
  • Der Clip ist offen für eine breite Palette von Themen, ohne in die Beliebigkeit oder Zusammenhangslosigkeit abzudriften, im Gegenteil: alle Themen verweisen aufeinander. Zudem passen eine Vielzahl von Themen in die Lebenswelt von Jugendlichen.
  • Der Clip arbeitet mit wenigen, dafür starken Symbolen (Wasser, Stadt, Wüste etc).
  • Der Clip beschreibt Realitäten, denen auch die Jugendlichen in der einen oder anderen Form bereits begegnet sind.

Kritisch anzumerken bleibt, dass im Clip der Künstler zu Gunsten seiner Präsentation (bzw. Bewerbung) und zu Ungunsten der Erzähldichte zu oft singend gezeigt wird, auch wenn er als invisible observer fungiert. Überhaupt entbehren gewisse Schnittfolgen einer erkennbaren künstlerischen Intention. Dieser Clip ist letztlich ein Stück Populärkultur: eingängig und einfach gestrickt, ohne jedoch wie viele andere Clips banal zu sein – und das ist entscheidend!

3. Unterrichtsimpuls

Es soll hier kein durchgestylter Lektionsentwurf geboten werden, sondern ein Impuls zum Arbeiten mit dem Clip «What it’s like». Gerade weil die z. T. ganz unerwartete Rezeption seitens der Schülerinnen und Schüler in der Arbeit mit den Videoclips eine zentrale Rolle spielt, ist Vieles nicht planbar, sondern man soll auf die entsprechenden Rezeptionen eingehen, was Improvisation und manchmal sogar das Aufgeben des Unterrichtsplans erfordert.

Der folgende Impuls für den Unterricht setzt den Clip in seiner enrichment-Funktion ein, d. h. als eine methodisch-didaktische Bereicherung zu einem Thema, das auch anders abgehandelt/erarbeitet werden könnte. Die Relevanz der Wahl des Clips als Medium liegt neben seiner inhaltlichen Passung in dessen schülerorientierten Wahrnehmungsästhetik und entsprechender Weckung von Motivation bei den Schülerinnen und Schülern.

Dieser Impuls ist keine reine Kopfgeburt, sondern wurde bereits mehrmals durchgeführt und hat sich m. M. bewährt.

Thema

«Empathie» als Voraussetzung des ethischen Diskurses neben der rationalen Argumentation

Zielpublikum

15-jährige Schülerinnen und Schüler (9. Klasse), Regelfach ERG

Kompetenz

Die Schülerinnen und Schüler sollen die Relevanz des zuvor definierten und erläuterten Begriffs der «Empathie» mit Blick auf den Text und die Story des Clip erarbeiten, indem sie sich emotional wie kognitiv in die verschiedenen Personen des Clips hineinversetzen. Sie können die Lernerfahrung mit dem Clip auf andere ethisch relevante Gebiete übertragen.

Einbettung in den Unterricht

In einer Einführung in die Ethik wurde gezeigt was? Ethik ist (Inhalt), wie? in der Ethik gearbeitet wird (Methode) und warum? Ethik wichtig ist (Rechtfertigung). Der Clip hat in der Methoden-Sequenz (wie?) seinen Platz: Nachdem zuerst anhand naturalistischer Fehlschlüsse und fragwürdiger praktischer Syllogismen die Dringlichkeit der rationalen Argumentation aufgezeigt wurde, wird in einem zweiten Schritt die Notwendigkeit von Empathie (die Fähigkeit sich in eine andere Person, Situation hineinzudenken bzw. zu fühlen) für den ethischen Diskurs dargestellt: Zuerst wird der Begriff definiert, dann kann z. B. ein ethischer Text gelesen werden, der gegen Abtreibung ist, um diesen Text dann mit einer Situation einer jungen Frau zu konfrontieren, die vor der Entscheidung eines möglichen Abortes steht. Hierbei wird deutlich, dass man mit der reinen rationalen Argumentation oft an die Konfliktsituationen der direkt Betroffenen nicht herankommt. M. a. W. bedarf gute ethische Reflexion auch der Empathiefähigkeit den Betroffenen gegenüber, um deren entsprechende Erfahrungen im rational-ethischen Diskurs mitzudenken. Um dies illustrierend zu vertiefen, wird der Clip «What it’s like» eingesetzt.

Schritte
  1. Der Clip wird gezeigt und anschliessend werden die Fragen des Arbeitsblatts gemeinsam durchgegangen (vgl. AB Fragen, www.ethik-religionen-gemeinschaft.ch/wp-content/uploads/2017/05/AB-Fragen.docx). Mit welchem Ziel auch immer ein Clip betrachtet wird, macht es Sinn, zuerst auf die Wirkung des Clips bei den Schülerinnen und Schülern Dazu hilft eben der Fragenkatalog, der am besten gemeinsam mit der Klasse durchgegangen und dessen Resultate festgehalten werden (Tafel, HP, Plakat etc).
  2. Die Schülerinnen und Schüler erhalten den Liedtext (vgl. z. B. www.songtexte.com/songtext/everlast/what-its-like-53d9370d.html) und lesen ihn durch. In Rückgriff auf den Fragenkatalog werden Fragen nach Personen und Geschichte gemeinsam geklärt und Personen und ihre Probleme/Themen dargestellt (Tafel).
  3. Aufgeteilt in 4er Gruppen erhalten die Schülerinnen und Schüler den Auftrag a) den Text zu strukturieren und b) die entscheidenden Anhaltspunkte in Bezug auf «Empathie» zu sichten.
  4. Kontrolle der Textstruktur und der entscheidenden drei Sätze in Bezug auf Empathie («to sing the blues«, «to have to choose», «to have to loose») durch die Lehrperson.
  5. Im 2er Gespräch sollen sich die Schülerinnen und Schüler Situationen aus ihrem Leben erzählen, in denen es ihnen schlecht ging, sie eine schwierige Entscheidung zu treffen hatten oder sich als Verlierer fühlten. Gleichzeitig sollen sie sich dabei überlegen, wie die Umwelt auf diese ihre Schwierigkeiten reagierte.
  6. Freiwillig erzählen die Schülerinnen und Schüler einige ihrer in Schritt 5 diskutierten Erlebnisse; dabei wird deutlich, wie wichtig Empathie in schwierigen Lebenssituationen ist und somit auch die Ethik als Theorie der Moral ohne diese Qualität Gefahr läuft, dem Leben nicht gerecht zu werden.
  7. Die Lehrperson fragt nach den Hauptunterschieden zwischen Clip und Text. Dabei wird unweigerlich die Schaufensterszene erwähnt. Der Lehrer fragt nach der Funktion der Schaufensterszene: Was soll diese Familie am Ende des Clips? Warum sind sie im Schaufenster? Warum sind sie alle weiss angezogen? Hierbei soll mit den Schülerinnen und Schülern erarbeitet werden, dass die Familie einen bestimmten moralischen (der Unterschied von Moral und Ethik ist den Schülerinnen und Schülern aus der Sequenz was? bekannt) Kodex verkörpert und somit eine ethische Theorie zu Grunde legt, die für die Betroffenen Protagonisten keinen Platz hat. Diese Moral soll herausgearbeitet werden (Stichwort «You can do it if you want» / «just do it»). Danach fragt der Lehrer nach den Konsequenzen dieser Moral (nämlich Unverständnis, Arroganz, Selbstgerechtigkeit und entsprechende mangelnde Solidarität den drei Protagonisten/Aussenseitern gegenüber) Die Schülerinnen und Schüler erkennen nun die gefährlichen Auswirkungen einer Ethik und ihrer entsprechenden Moral, die sich nicht fragt «what it’s like» / «wie es ist».
  8. Die Schülerinnen und Schüler werden gefragt, was die Funktion des Sängers im Clip ist. Die Antworten gehen meistens in die Richtung «Beobachter», «Sympathisant» etc. Hierauf fragt die Lehrperson, wo die Schülerinnen und Schüler heute konkret mehr Empathie in ethischen relevanten Belangen einfordern würden. Die Bereiche werden notiert.
  9. Am Schluss wird noch einmal der Clip gemeinsam betrachtet.

Zusatzmaterial

Literatur

Knauth, Thorsten (2015): Was gehen uns die Anderen an? Überlegungen zum ethisch-interreligiösen Lernen, in: Ethisches Lernen. Jahrbuch der Religionspädagogik 31 (2015), S. 193–204.
Spiegel, Irina (2015): Empathie- und Compassiontraining, in: Nida-Rümelin, Julian / Spiegel, Irina / Tiedemann, Markus (Hrsg.): Handbuch Philosophie und Ethik, Bd1: Didaktik und Methodik, Paderborn, S. 245–251.
Artikelnachweis
Kessler, Andreas (2017): Empathie. Ein Unterrichtsimpuls mit dem Videoclip «What it’s like» von Everlast, in: erg.ch – Materialien zum Fach Ethik, Religionen, Gemeinschaft (Online-Publikation), www.ethik-religionen-gemeinschaft.ch/kessler-empathie/

Über Andreas Kessler

Dr. Andreas Kessler ist Dozent für Fachdidaktik «Ethik, Religionen, Gemeinschaft» am Institut für die Sekundarstufe I der PHBern, Studienleiter «Religionslehre» an der Universität Luzern sowie Dozent für Fachdidaktik «Religionslehre» auf den Stufen Sekundarstufe I und Sekundarstufe II an der Universität Fribourg.