Wallfahrtskirchen: Nachdenken über Dankbarkeit


Wallfahrtskirchen: Nachdenken über Dankbarkeit

Eine kurze Intervention im Rahmen einer Exkursion oder Schulreise

Wallfahrtskirchen und -kapellen sind bis heute wichtige Orte römisch-katholischer Frömmigkeitspraxis. Aber auch religiös Unmusikalischen können sie zu denken geben, stellen sie doch indirekt die Frage nach unserem Umgang mit Dankbarkeit.
Von Andreas Kessler

Neben den grossen Pilgerkirchen wie Einsiedeln (SZ) und Maria Stein (SO) gibt es in der Schweiz unzählige Kirchen und Kapellen, die als Wallfahrtsorte aufgesucht werden. Römisch-katholisch Gläubige pilgern an diese Orte, um im persönlichen Gebet zu bitten und zu danken: Sie glauben, dass ihre Fürbitten von z. B. Maria oder einer/einem Heiligen, die je nach Ort und dessen Geschichte speziell verehrt werden, erhört wurden oder in Zukunft erhört werden.

Im Rahmen von ERG

Im Rahmen des schulischen ERG-Unterrichts bieten Wallfahrtskirchen und -kapellen vielfältige Lernmöglichkeiten. Sie laden dazu ein, die jeweiligen Ursprungslegenden der Kirchenstiftungen historisch zu kontextualisieren, sie können als Ausdruck römisch-katholischer Frömmigkeit gelesen und analysiert werden, man kann sie religionsgeschichtlich oder ikonographisch verorten etc. Nicht zuletzt aber fragen Wallfahrtskirchen auch die religiös unmusikalischen Besucherinnen und Besucher indirekt nach dem, was Gläubige in solchen Gebäuden u. a. tun: danken.

Das heisst auch, dass die religiöse Praxis vor Ort quasi von sich aus diese zutiefst menschliche und daher existentielle Frage nach Anlass und Form von Dankbarkeit stellt. Kompetenztheoretisch haben wir es hier mit einer typischen durch das Beobachten und Beschreiben einer religiösen Praxis provozierten Herausforderungssituation zu tun, auf die es mit einer freilich je persönlichen Strategie zu antworten gilt: Wie ist mein Umgang mit Dankbarkeit? Hierbei zeigt sich zudem, dass ERG als Fach eben integrativ zu verstehen ist, weil in dieser lernproduktiven Frage nach dem Umgang mit Dankbarkeit reflexive, religionsbezogene wie gemeinschaftsrelevante Aspekte zusammenkommen.

Dankbarkeit

Dankbarkeit wird im Bereich der sog. «positiven Psychologie» zur Zeit intensiv erforscht, als ein wichtiger Faktor menschlichen Wohlbefindens identifiziert und von populärwissenschaftlicher Ratgeberliteratur entsprechend bewirtschaftet (so à la «Dankbarkeit lernen: 6 einfache Tipps, wie sie dein Leben rockt»). Dabei werden Unterscheidungen zwischen formellem «Danke sagen», wirklich gefühlter Dankbarkeit und Dankbarkeit als Geisteshaltung vorgenommen. Solche Kategorien können helfen, das Feld der Dankbarkeit zu strukturieren.

Mit Blick auf einen Wallfahrtsort geht es aber um etwas Grundsätzlicheres: Gläubige kommen an diesen Ort, um z. B. für eine gelungene Geburt, eine überstandene Krankheit oder eine (z. T. als Wunder erlebte) Rettung aus einer Extremsituation (Sturz, Lawine, Autounfall etc.) zu danken. Dabei haben Sie in Gott, Jesus, Maria & Co einen eindeutigen Adressaten. Als Dank lassen sie ein Bild malen (Ex Voto-Tradition) oder bringen ein Foto mit, spenden ihre nicht mehr gebrauchten Krücken oder bedanken sich mit bestickten Esslätzchen und Anderem für die Geburt ihres Kindes (vgl. Abb. 1).

Ein religiöser Adressat ist aber für viele Menschen heute obsolet, sie rechnen dementsprechend nicht mit extramundanen Eingriffen. Hier stellt sich die Frage: Wie erklärt man also das Überleben bei einem Lawinengang: Schicksal, Zufall, Glück? Und wenn man das Überleben bei einem Lawinengang als Zufall deutet, wohin adressiert man die Dankbarkeit, was macht man mit diesem Gefühl? Wie auch immer die Antworten ausfallen, sie lösen anstrengende und verzwickte philosophische oder theologische Gedankengänge und entsprechende Gemütslagen aus. Dabei geht es freilich nicht um eindeutige Antworten, sondern um das Finden persönlicher Strategien im Wissen um deren prinzipielle Fragilität.

Abb. 1: Wand mit Votivgaben zum Dank für die Geburt eines Kindes, Re (IT), Basilica della Beata Vergine Maria del Sangue di Re, Foto: Andreas Kessler

Eine kleine Intervention

Ob eine Exkursion z. B. im Rahmen «gelebte Religion» zu einer Wallfahrtsstätte führt, oder ob während einer Schulreise eine entsprechende Kirche oder Kapelle quasi zufällig auf dem Weg liegt, spielt für die hier vorgeschlagene kleine Intervention keine Rolle. Gerade weil die Intervention auf die allgemeine Frage «Wie habe ich es mit der Dankbarkeit?» zielt, kann sie kontextuell flexibel eingesetzt werden. Wichtig allein ist, dass die Reflexion verschriftlicht und als Einzelarbeit geleistet wird. Die Lernenden erhalten Blätter oder ein Büchlein (A5) mit folgender Einleitung und nachfolgenden Fragen/Aufforderungen:

Du bist hier an einem Ort, an dem Menschen u. a. ihre Dankbarkeit ausdrücken (für die Geburt eines Kindes, das Überstehen einer Krankheit etc.). Sie tun dies in einem religiösen Zusammenhang, sie danken Gott, Jesus, Maria oder einer/einem Heiligen. Nimm diese Praxis zum Anlass, allgemein über Dankbarkeit nachzudenken …

  • Wem oder was gegenüber warst Du in letzter Zeit dankbar? Wie hast Du das ausgedrückt? (notiere!)

Eine Geschichte:
«Esther ist 50 Jahre alt und denkt an eine ihrer besten Freundinnen aus der Zeit ihrer Jugendjahre (zwischen 20 und 30), an Maya. Maya war für sie sehr wichtig, denn durch sie hat sie ganz Vieles entdeckt, spannende Menschen getroffen usw. Ja, sie ist sich sicher, dass sie ohne diese gemeinsamen 10 Jahre Freundschaft mit Maya nicht die Esther wäre, die sie heute ist.
Wie das Leben so spielt, hat sie Maya aus den Augen verloren, sie zog wegen ihrer Arbeit ins Ausland. Esther möchte Maya nun mit einem Besuch überraschen und ihr einfach ‹merci› sagen für all die Horizonte, die sie ihr eröffnet hat.
Kurz vor der Abreise erhält sie über frühere Freunde die Nachricht, dass Maya an Krebs gestorben ist.»

Überlege:

  • Was passiert mit Dankbarkeit, die nicht mehr adressiert werden kann?
  • Was würdest Du Esther raten, was sie nun tun soll?
  • Ist eine solche Situation leichter zu ertragen, wenn man religiös/gläubig ist? Was meinst Du?

Wie die Geschichte von Esther und Maya gezeigt hat (und es muss zum Glück ja nicht immer so dramatisch sein), kann es manchmal zu spät sein, um «merci» zu sagen.

  • Darum: Nimm Dein Smartphone hervor und schreib einer (oder mehreren) Person(en) eine Dankesnachricht! (warum auch immer, es kann auch etwas ganz Kleines sein)

Ob im Anschluss an diese Einzelarbeit noch eine gemeinsame Besprechung (z. B. in Form von «Philosophieren mit Jugendlichen») folgt, hängt vom jeweiligen Setting ab. Meine Erfahrung hat gezeigt, dass die Arbeit insgesamt kognitiv wie emotional stark aktiviert, was ich an nachfolgenden Gesprächen vor allem zwischen den Lernenden oder auch solchen mit mir als Lehrer wahrnehmen konnte.

Artikelnachweis
Kessler, Andreas (2019): Wallfahrtskirchen: Nachdenken über Dankbarkeit. Eine kurze Intervention im Rahmen einer Exkursion oder Schulreise, in: erg.ch – Materialien zum Fach Ethik, Religionen, Gemeinschaft (Online-Publikation), www.ethik-religionen-gemeinschaft.ch/kessler-wallfahrtskirchen/

Über Andreas Kessler

Dr. Andreas Kessler ist Dozent für Fachdidaktik «Ethik, Religionen, Gemeinschaft» am Institut für die Sekundarstufe I der PHBern und Studienleiter «Religionslehre» an der Universität Luzern.