Reflexionskompetenzen bei Kindern fördern
Rezension zum neuen Lehrmittel Philofit
Aufbau und Gliederung
Das Lehrmittel Philofit ist in zwei Hauptteile gegliedert: einen Grundlagenband und einen umfangreichen Materialteil in Form einer Box mit Impulsen zu verschiedensten Themen. Ergänzend dazu stehen auf der Website des Ingold Verlags weitere Materialien als Download zur Verfügung.
Der Grundlagenband behandelt in Teil I die theoretischen Grundlagen des Philosophierens mit Kindern, insbesondere die Kompetenzförderung, die angestrebt wird. Das Konzept unterscheidet zwischen dem Philosophieren als inhaltlicher Auseinandersetzung mit grundlegenden Fragen des menschlichen Daseins (Philosophieren können) und den Handlungsweisen, die damit verbunden sind, wie etwa reflektieren, hinterfragen, prüfen, begründen oder begründet vertreten (Philosophieren als Tun/Können). Auf dieser Unterscheidung baut das Lehrmittel auf: Einerseits wird ein Phasenmodell für die Auseinandersetzung mit philosophischen Themen (Philosophieren können) vorgestellt, andererseits dient das Philofit-Training dem Aufbau und der Stärkung der Reflexionswerkzeuge im Unterricht (Philosophieren als Tun/Können). Diese Werkzeuge werden mithilfe von Symbolkarten (als Download zugänglich) in exemplarischen Gesprächen erprobt, reflektiert und analysiert. Teil II widmet sich dieser Methodik und Arbeitsweise. Das Phasenmodell wird eingehend vorgestellt und die verschiedenen Phasen, nämlich eine problemorientierte Einstiegsphase, die Bearbeitungsphase I (sich der eigenen Meinung bewusst werden und diese äussern) und II (Meinungen prüfen, begründen und hinterfragen) sowie einer Abschlussphase zur Sicherung zentraler Erkenntnisse anhand von Beispielen erläutert. Für jede Phase werden Funktion, Ziel, Ablauf mit möglichen Varianten sowie Übergänge zur nächsten Phase aufgezeigt und schließlich typische Stolpersteine benannt. In einem Kapitel wird eingehend auf das sogenannte Philofit-Training eingegangen, durch welches Schülerinnen und Schüler auf einer Metaebene die grundlegenden Reflexionswerkzeuge des Philosophierens kennenlernen und anhand von Gesprächen einüben.
Der (erprobte) Materialteil in Form einer Box bietet eine vielfältige Sammlung von Themen und didaktischen Impulsen auf handlichen Faltblättern. Insgesamt umfasst die Box 52 Impulse, die sich auf acht Themenfelder verteilen – darunter „Wünsche und gutes Leben“, „Wer bin ich?“, „Mensch und Natur“ oder „Der Mensch zwischen Meinen und Wissen“. Jeder Impuls enthält entweder eine Geschichte – teils aus Bilderbüchern, teils aus literarischen Werken – oder einen Gegenstand als Ausgangspunkt. Daran knüpft die Sachanalyse an, welche die Lehrperson bei der Vorbereitung unterstützt, indem zentrale inhaltliche Aspekte der jeweiligen Geschichte beleuchtet und wertvolle Anregungen gegeben werden. Hilfreich sind weiters Vorschläge zur Gestaltung der verschiedenen Phasen sowie die Impulsfragen, die einerseits konkret auf die Geschichte bezogen sind und diese mit eigenen Erfahrungen verknüpfen, und andererseits allgemein-abstrakt auf das zugrunde liegende philosophische Thema. Hier fällt sowohl in Bezug auf den Grundlagenband als auch auf den Materialteil auf, dass der Fokus stark auf der Erfahrungsebene der Kinder, der Wahrnehmung von Gefühlen und Ansichten und auch der Begründung der eigenen Meinung liegt. Die Formulierung philosophischer, allgemein-abstrakter Fragen könnte an manchen Stellen noch geschärft und ausgebaut werden.
Abgerundet wird das Lehrmittel durch Online-Materialien auf der Verlagswebsite. Hier werden unter anderem Symbolkarten als Reflexionsinstrumente für das Philofit-Training sowie anschauliche Illustrationen zu einzelnen Geschichten bereitgestellt.
Wertvolle Anregungen
Warum lohnt es sich, sich mit Philofit vertieft auseinanderzusetzen? Auffallend ist zunächst einmal die konsequente entwicklungspsychologische Ausrichtung. Immer wieder werden entwicklungspsychologische Bezüge hergestellt, etwa zur Förderung der Fähigkeit zur Perspektivenübernahme, die zwischen dem vierten und zehnten Lebensjahr entscheidende Entwicklungsschritte durchläuft. Entwicklungsorientierung und systematischer Kompetenzaufbau werden überzeugend zusammengedacht. Der Fokus liegt dabei auf den Fächern NMG und D und damit auch im Bereich der Sprachbildung und Sprachförderung, und auch auf den überfachlichen Kompetenzen. Sehr hilfreich ist in diesem Zusammenhang das (entwicklungs-)theoretisch fundierte Modell philosophischer Reflexionskompetenz für die Zyklen 1 und 2. Es wird im Abschnitt zur Beurteilung und zum Feedback in Kap. 16 detailliert dargestellt, und der Aufbau der entsprechenden philosophischen Kompetenzen und Kompetenzstufen wird anhand von Beispielen gut veranschaulicht.
Konsequenterweise richtet der Grundlagenband in der Folge den Blick immer wieder auf das junge Kind im Kindergarten. Denn hier stellt sich die zentrale Frage: Kann man mit Kindern in diesem Alter bereits philosophieren? Wie fängt man an und wie baut man das Philosophieren auf? Deutlich wird hier aufgezeigt, welche Kompetenzen in dieser Entwicklungsphase möglich sind und welche Herausforderungen bestehen, gerade auch unter dem Fokus eines möglicherweise noch eingeschränkten Wortschatzes. Im Kindergartenalter stehen vor allem das Begründen, das Klären von Begriffen und das Anführen von Beispielen im Vordergrund, während Fähigkeiten wie das Hinterfragen oder das Entwickeln von Gegenbeispielen noch nicht gezielt gefördert werden sollten. Zudem betont das Lehrmittel die Bedeutung des Fragenstellens als zentrale Teilkompetenz, die insbesondere im Zyklus 1 kontinuierlich und gezielt unterstützt und aufgebaut werden muss.
Sehr hilfreich ist, dass das Lehrmittel Stolpersteine klar benennt, die im Alltag des Philosophierens auftreten können. Beispielsweise wenn Kinder keine kontroversen Meinungen einbringen oder sich alle schnell einig sind. Hier kann die Lehrperson beispielsweise mit zwei Puppen vormachen, was es bedeutet, wenn unterschiedliche Positionen vertreten werden.
Ein eigenes Kapitel widmet sich auch der Frage, wie mit der Diversität in Gruppen im Rahmen des Philosophierens mit Kindern produktiv umgegangen werden kann. Auch hier werden die Herausforderungen klar benannt, zum Beispiel wenn sich einzelne Kinder nie melden, und es werden konkrete Handlungsmöglichkeiten aufgezeigt. In diesem Sinne bietet das Lehrmittel auch für die Arbeit mit Kindern mit Deutsch als Zweitsprache hilfreiche Hinweise, etwa zur Bedeutung von individueller Denkzeit, zur Arbeit in kleinen Gruppen oder zum Einsatz des Philospuren-Journals.
Fazit
Das Lehrmittel Philofit lässt sich aufgrund der umfangreiche Materialbox und der darin enthaltenen wertvollen Themen und Impulsfragen unkompliziert im Unterricht einsetzen. Das Format ist ansprechend, weil die einzelnen Blätter (jedes Thema bzw. jede Geschichte ein eigenes Faltblatt) schnell zur Hand genommen werden können und alle notwendigen Informationen zur Gestaltung einer Unterrichtssequenz enthalten sind, inklusive Impulsfragen. Wichtig ist, diese flexibel an die Situation in der eigenen Klasse anzupassen. Die knappe Einführung zur «Arbeit mit den Impulsen» in der Materialbox reicht für den Anfang auch aus, um sich orientieren und einarbeiten zu können. Für alle, die sich vertiefter mit dem Philosophieren mit Kindern auseinandersetzen möchten, bietet der Grundlagenband wertvolle Hinweise gerade im Blick auf den altersgemässen Aufbau zentraler Reflexionskompetenzen und viele Tipps für den Umgang mit Stolpersteinen. Ich meine, es ist ein gelungenes Lehrmittel, das die bestehenden Lehrmittel zum Philosophieren gut ergänzt.

