Wallfahrtskirchen stellen Fragen nach Dankbarkeit?


Wallfahrtskirchen stellen Fragen nach Dankbarkeit?

Eine Widerrede zu einem Beitrag von Andreas Kessler

Im November 2019 schlug Andreas Kessler auf erg.ch eine flexible Intervention zu Wallfahrtskirchen vor. Diese Widerrede stellt seine Prämissen in Frage und prüft kritisch, inwieweit sein Vorschlag dem Lernen im Fach ERG dienlich ist.
Von Petra Bleisch und Urs Schellenberg

In seinem zweieinhalbseitigen Beitrag schlägt Andreas Kessler (2019) auf erg.ch eine Intervention vor, sollte eine Klasse des 3. Zyklus im Rahmen einer Exkursion oder Schulreise auf eine Wallfahrtskirche treffen. Kesslers Interventionsvorschlag scheint uns auf mehreren Ebenen fragwürdig.

Diese Widerrede bettet sich ein in aktuelle Diskussionen um das Fach ERG. Nach wie vor besteht unter Fachdidaktikerinnen und Fachdidaktikern in der Schweiz Uneinigkeit darüber, auf welche Weise ERG an die Lebenswelt von Schülerinnen und Schülern sinnvoll angeschlossen werden sollte (Bleisch 2018). Als «Integrationsfach» beinhaltet ERG zudem fachliche Perspektiven mit unterschiedlichen Epistemologien (Heinzen 2011) und das Verhältnis von «Ethik» und «Religionskunde» ist immer noch klärungsbedürftig. Kesslers Beitrag möchte einen Weg aufzeigen, wie Ethik und Religionskunde «integrativ» in ein und derselben Intervention behandelt und an die Lebenswelt der Schülerinnen und Schülern angeschlossen werden kann. Ausgangspunkt ist die Prämisse, dass Wallfahrtskirchen «indirekt die Frage [stellen] nach unserem Umgang mit Dankbarkeit» (Kessler 2019, S. 1).

Wallfahrtskirchen als Unterrichtsgegenstand in ERG

Manche Gegenden in der Schweiz sind von Wallfahrtskirchen mitgeprägt und es steht ausser Frage, dass diese im Rahmen des ERG-Unterrichts ergiebige und interessante Lernorte sind. Fragen nach der historischen Entwicklung von Wallfahrtskirchen und deren aktuelle Nutzung durch Besuchende sind Möglichkeiten einer religionskundlichen Erkundung.

Ein schneller Blick in die Geschichte zeigt z. B., dass Kirchen und Kapellen aus unterschiedlichen Gründen errichtet wurden – etwa als Ausbau einer ehemaligen Einsiedelei (z. B. Einsiedeln) oder eines Unterstands beim Viehhüten (z. B. Maria Hilf in Freystadt) – und oft nach Wunderheilungen von Pilgernden zu Wallfahrtsstätten wurden. Einzelne Kirchen und Kapellen wurden als Wallfahrtskirche gebaut, um den Ansturm von Pilgernden zu bewältigen, die auf ein göttliches Zeichen hofften (z. B. Werthenstein). Wieder andere wurden aus Dankbarkeit errichtet, etwa die «Wallfahrtskirche unsere Liebe Frau von Glisacker» im Wallis, die ursprünglich vom damaligen Bischof von Sitten im Jahre 620 aus Dankbarkeit für die Befreiung von politischen Intrigen erbaut worden sei. Wallfahrten in Glis sind aber erst im Spätmittelalter historisch fassbar und gründen vermutlich in den Wundererzählungen, die den Bau der Kirche begleitet haben (Jossen 1999). Es scheint also religionshistorisch so zu sein, dass Orte sich zu Wallfahrtsorten entwickelten, weil Menschen auf ein religiöses Zeichen (z. B. Marienerscheinungen) oder eine Wunderheilung hofften (bzw. noch hoffen).

Daneben gibt es auch Menschen, die aus Dankbarkeit in diesen Wallfahrtskirchen beten oder dankbar darüber sind, dass die Kapellen ihnen Schutz vor Regen bieten. Wallfahrtsorte besuchen heute Menschen mit unterschiedlichsten religiösen und nicht religiösen Hintergründen und sie tun dies aus unterschiedlichsten Gründen. Wir finden da nicht nur katholische Wallfahrerinnen und Wallfahrer, sondern auch reformierte Pilgerreisende, interessierte Kulturtouristen, Spaziergängerinnen oder tamilischen Hindus – z. B. in Einsiedeln. Auch z. B. die Votivgaben sind längst nicht mehr nur in einem religiösen Kontext und als Ausdruck von Dankbarkeit relevant, sondern haben ihren Weg über den Antiquitätenmarkt in die Stube neben die Buddha-Figur gefunden. An Wallfahrtskirchen lässt sich zweifellos vieles entdecken und manches über Geschichte und Gegenwart lernen und es lassen sich interessante religionskundliche Fragen entwickeln.

Fragende Wallfahrtskirchen?

Seine Intervention im Rahmen des schulischen Unterrichts in ERG situiert Kessler nun aber explizit nicht in einer religionskundlichen Beschäftigung. Diese zielt vielmehr auf die Auseinandersetzung mit der eigenen Dankbarkeit, an der auch die «religiös Unmusikalischen» nicht vorbeikommen würden. Kessler begründet dies damit, dass ein Wallfahrtsort, bzw. die Praxis vor Ort «quasi von sich aus diese zutiefst menschliche und daher existentielle Frage nach Anlass und Form von Dankbarkeit stellt» (Kessler 2019, S. 1). In dieser Aussage spricht Kessler damit einem Gebäude sowie einer lokalen Praxis mentale Eigenschaften («stellen Fragen») und somit eine agency zu. Nach Pascal Boyer (2001) ist die Zuschreibung von psychischen Eigenschaften zu Artefakten eine religiöse Interpretation. Menschen kreieren damit Objekte aber erst als religiöse Objekte. Artefakte wie Gebäude haben demnach nicht an sich eine agency und werden nur aus einem religiösen Standpunkt als religiöser Gegenstand verstanden, der – hier in der Interpretation Kesslers der Wallfahrtskirchen – an die Betrachtenden einen Appell etwa mit einer existentiellen Frage stellt. Aus einer religionswissenschaftlichen Perspektive ist natürlich interessant zu erforschen, welche Menschen welchen Gegenständen solche Eigenschaften zuschreiben. Kessler nuanciert nun seine Aussage insofern, als dass er mit den Worten «quasi» und «indirekt» diesen Appellcharakter abschwächt. Worin diese Abschwächung besteht und warum er sie einführt, wird allerdings nicht deutlich.

Unmusikalische Schülerinnen und Schüler?

Ein weiterer fragwürdiger Punkt Kesslers Interventionsvorschlags ist das Objekt des Appells.

Wenn Kessler von «uns», bzw. den «religiös Unmusikalischen» spricht, ist wiederum unklar, wer genau damit gemeint ist. Richtet sich die existentielle Frage der Wallfahrtskirche, bzw. Kesslers Frage an «uns», so gemeindet er die Lehrperson mitsamt der Schulklasse (darunter z. B. auch muslimische und atheistische Schülerinnen und Schüler) in seinen «indirekt»-religiösen Standpunkt ein. Eine solche Vereinnahmung ist aus religionskundlicher Perspektive nicht nachvollziehbar und nach den didaktischen Hinweisen des Lehrplans 21 nicht angezeigt.

Wenn Kessler von «den religiös Unmusikalischen» als Zielpublikum spricht, so spielt er auf ein Diktum von Max Weber an, der sich selber als «religiös unmusikalisch» beschrieben hat. Damit signalisierte Weber, dass er in Bezug auf Religion unbegabt sei. In einem Brief an Ferdinand Tönnies erklärt Weber: «Aber ich bin [,] nach genauer Prüfung, weder antireligiös noch irreligiös. Ich empfinde mich auch in dieser Hinsicht als einen Krüppel, als einen verstümmelten Menschen, dessen inneres Schicksal es ist, sich dies ehrlich eingestehen zu müssen, sich damit – um nicht in romantischen Schwindel zu verfallen – abzufinden» (Weber 1994, S. 65). Kesslers Standpunkt, die Wallfahrtskirche würde gerade an die «religiös Unmusikalischen» appellieren, ist, insofern «unmusikalisch» im Sinne Webers verstanden wird, in zweifacher Weise zweifelhaft. Zum einen ist die Fremdzuschreibung fehlender religiöser «Begabung» oder «Verkrüppelung» übergriffig und zum anderen wäre der oder die «Unbegabte» ja eben gerade nicht in der Lage, einen solchen Appel zu erkennen. Seine «Unmusikalität» erlaubt es aber Weber, Religion mit einer religionssoziologischen Perspektive zu erforschen, was durchaus einer interessanten religionskundlichen Beschäftigung mit Wallfahrtskirchen im Rahmen von ERG (z. B. ERG 4.2) entsprechen würde.

Sollte Kessler nun aber «religiös unmusikalisch» nicht im Weber’schen Sinn verstehen, so bleibt weiterhin fraglich, wen genau er damit meint. Sein Vorschlag, im weiteren Verlauf der Intervention die Schülerinnen und Schüler zu fragen «Ist eine solche Situation [Maya kann ihrer an Krebs verstorbenen Freundin Esther ihre Dankbarkeit nicht mehr ausdrücken] leichter zu ertragen, wenn man religiös/gläubig ist? Was meinst Du?» (Kessler 2019, S. 3) ist zwar vordergründig offen gestellt, legt aber die Interpretation nahe, dass aus seiner Sicht nichtreligiöse/ungläubige Menschen erkennen sollten, dass Religion etwas Wichtiges zu bieten hat.

Lerngewinn für «Religionen»?

Gegen Schluss seines Essays erklärt Kessler, dass seine Intervention auch für eine Exkursion «im Rahmen ‹gelebte Religion›» sinnvoll einsetzbar wäre. Ausser den oben genannten Fragwürdigkeiten stellt sich nun aber zusätzlich das Problem, dass nicht erkennbar wird, was genau die Schülerinnen und Schüler in Bezug auf religiöse Praxis lernen – ausser, dass manche Menschen aus Dankbarkeit in einer Wallfahrtskirche beten. Das ist als Ertrag einer Exkursion für das Schulfach ERG doch mehr als mager. Forschungen zu ausserschulischen Lernorten zeigen zudem, dass der Lernerfolg wesentlich durch die Vor- und Nacharbeitung der Erkundung bedingt ist (vgl. Falk/Dierking 2000). Dieser Aspekt fehlt in seiner Intervention völlig. Dass Wallfahrtskirchen, sinnvoll in den Unterricht eingebettet, für den ERG-Unterricht interessant sein können, wurde einleitend bereits dargelegt.

Lerngewinn für «Ethik»?

Nun liesse sich einwenden, die Wallfahrtskirche am Wegrand sei nur Aufhänger für die eigentlich zentrale Auseinandersetzung mit der eigenen Dankbarkeit. So gesehen schlägt Kessler «nur» eine Intervention im Bereich Wertebildung vor, bei der die Schülerinnen und Schüler mittels der Geschichte der krebskranken Freundin die Wichtigkeit des Werts «Dankbarkeit» erkennen und anwenden sollen, indem sie zum Abschluss der Intervention einem Menschen per SMS ihre Dankbarkeit auszudrücken haben. Dann bleibt aber folgende Passage unverständlich: «Kompetenztheoretisch haben wir es hier mit einer typischen durch das Beobachten und Beschreiben einer religiösen Praxis provozierten Herausforderungssituation zu tun» (Kessler 2019, S. 1). Auch hier lässt sich Kesslers Diagnose nur aus seinem «quasi»-religiösen Standpunkt heraus verstehen. Die Frage nach der Dankbarkeit stellt sich sicher für Jugendliche im Sinne einer Herausforderungssituation an vielen Orten in ihrer Lebenswelt, aber wohl selten bei Wallfahrtskirchen.

Dazu kommt, dass damit an Kompetenzen des Lehrplans 21 etwa im Sinne eines reflexiven Bezugs auf Grenzerfahrungen (ERG 1.1c) nicht gearbeitet wird. Aus der Perspektive der Ethik stellt sich vielmehr die Frage, ob «Dankbarkeit» überhaupt als moralische Pflicht zu werten ist. Barbara Bleisch (2018) beispielsweise verneint dies und argumentiert, dass keine moralische Pflicht der Dankbarkeit gegenüber Eltern bestehe. Folgt man Bleisch, so kann «Dankbarkeit» als Wert in ERG zur Debatte stehen, bei der die Schülerinnen und Schüler aber auch zum Schluss kommen könnten, dass sie niemandem Dankbarkeit schulden. Mit seiner Intervention geht Kessler hinter einen seiner eigenen Ansprüche zurück, nämlich dass ethisches Lernen «vor allem auch immer wieder ein Entsichern und Hinterfragen von gängigen, selbstverständlichen Werten und Normen» (Kessler 2016, S. 12) sei.

Fachverständnis von ERG?

Andreas Kessler versteht seine Intervention als Beitrag zu einem «integrativen» Fachverständnis von ERG. Diese Widerrede stellt in Frage, dass mit seinem Vorschlag überhaupt religionskundliche oder ethische Kompetenzen gefördert werden. Fachliches Lernen im Sinne des ERG-Lehrplans findet aus unserer Sicht nicht statt und die Verbindung von Ethik und Religionskunde bleibt eklektisch. Seinen eigenen Anspruch, beide Bereiche «integrativ» zu bearbeiten, kann Kessler nicht einlösen. Darüber, wie die beiden Fachanliegen Religionskunde und Ethik sinnvoll aufeinander bezogen werden können, muss unseres Erachtens aber durchaus weiter nachgedacht und diskutiert werden.

Literatur

Bleisch, Barbara (2018): Warum wir unseren Eltern nichts schulden, München.
Bleisch, Petra (2018): «Religion(en)» im neuen Integrationsfach Natur-Mensch-Gesellschaft (NMG) zwischen Fachdidaktik(en) und Bezugsdisziplin(en), in: Zeitschrift für Didaktik der Gesellschaftswissenschaft 2, S. 32–47.
Boyer, Pascal (2001): Religion explained. The human instincts that fashion gods, spirits and ancestors, London.
Falk, John H. / Dierking, Lynn D. (2000): Learning from museums: Visitor experiences and the making of meaning, Lanham.
Heinzen, Samuel (2011): Perspectives pour l’enseignement de la philosophie à l’école enfantine et primaire en Suisse romande, in: Diotime (47), S. 1-6.
Jossen, Peter (1999): Die Wallfahrtskirche unserer lieben Frau vom Glisacker, in: Historia. Mitteilungsblatt der «Pro Historia Glis», Glis, S. 3–13.
Kessler, Andreas (2016): Der Lernbereich «Ethik» im Lehrplan 21. Darstellung, Fachverständnis, Würdigung und Kritik, in: erg.ch – Materialien zum Fach Ethik, Religionen, Gemeinschaft (Online-Publikation), www.ethik-religionen-gemeinschaft.ch/kessler-ethik-im-lehrplan-21/
Kessler, Andreas (2019): Wallfahrtskirchen. Nachdenken über Dankbarkeit. Eine kurze Intervention im Rahmen einer Exkursion oder Schulreise, in: erg.ch – Materialien zu Ethik, Religionen, Gemeinschaft (Online-Publikation), www.ethik-religionen-gemeinschaft.ch/kessler-wallfahrtskirchen/
Weber, Max (1994): Max Weber-Gesamtausgabe. Band II/6: Briefe 1909–1910, hrsg. von M. Rainer Lepsius und Wolfgang J. Mommsen, unter Mitarbeit von Birgit Rudhard und Manfred Schön, Tübingen.
Artikelnachweis
Bleisch, Petra / Schellenberg, Urs (2019): Wallfahrtskirchen stellen Fragen nach Dankbarkeit? Eine Widerrede zu einem Beitrag von Andreas Kessler, in: erg.ch – Materialien zum Fach Ethik, Religionen, Gemeinschaft (Online-Publikation), www.ethik-religionen-gemeinschaft.ch/bleisch-schellenberg-wallfahrtskirchen/

Über Petra Bleisch

Dr. Petra Bleisch ist Primarlehrerin, promovierte Religionswissenschaftlerin und Dozentin für Fachdidaktik NMG an der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Sie leitet die dortige Forschungseinheit «Didaktik der Ethik und der Religionskunde».

Über Urs Schellenberg

Urs Schellenberg ist Dozent der Fachdidaktiken Religionskunde und Ethik an der Pädagogischen Hochschule Zürich und Leiter des Netzwerks Fachdidaktik Religionen, Kulturen, Ethik.