Konfession und (Innen-) Architektur


Konfession und (Innen-) Architektur

Erkundung einer römisch-katholischen und einer evangelisch-reformierten Kirche

Die Unterschiede in Theologie und Frömmigkeit zwischen den römisch-katholischen und den evangelisch-reformierten Christinnen und Christen materialisieren sich an und in deren Kirchen. Die hier vorgelegten und in der Praxis erprobten Arbeitsunterlagen befähigen die Lernenden, zwei Kirchen ebenso sinnlich wie kognitiv selbständig zu erkunden und sie als römisch-katholisches oder evangelisch-reformiertes «Gotteshaus» zu charakterisieren und zu erklären.
Von Andreas Kessler

Der LP21, ERG 4.2a sieht vor, dass Schülerinnen und Schüler «Gebäude verschiedener Religionen mit ihrer wesentlichen Ausstattung korrekt benennen, beschreiben (z. B. Eindrücke, Merkmale, Stil) und sachlich erläutern (z. B. Funktion, Gebrauch)» können. Die hier präsentierte Arbeitsunterlage soll diese Kompetenz einholen, in dem je eine Kirche der beiden christlichen Grosskonfessionen in der Schweiz (römisch-katholisch und evangelisch-reformiert) entsprechend erkundet wird, und dabei gleichzeitig die Unterschiede in Theologie und Frömmigkeitspraxis zwischen den beiden Konfessionen erarbeitet werden.

Kirchenräume sind (innen-) architektonisch bewusst auf Wirkung hin gestaltete Räume, sie erheben einen Darstellungs- und Wirkungsanspruch. Die Lernenden sollen sich daher auch mit Fragen der Komposition des Raums und der je persönlichen, sinnlichen Wirkung des Raums auf sie selber beschäftigen (was der LP21 etwas schlicht und dürr «Eindrücke» nennt). Dabei werden Fragestellungen aus der Tradition der Kirchenraumpädagogik (vgl. zusammenfassend Dörnemann 2014) entlehnt, ohne deren konfessionelle Absicht zu übernehmen.

Einbettung

Die Erkundung der beiden Kirchen als ausserschulischer Lernort bedarf der klassischen Rahmung: Vorbereitung – Durchführung – Auswertung. Vorgängig werden im Schulzimmer die theologischen wie frömmigkeitspraktischen Unterschiede zwischen römisch-katholischen und evangelisch-reformierten Christinnen und Christen erarbeitet. Diese Unterschiede werden in den Arbeitsunterlagen noch einmal zusammengefasst und dienen als Grundlage bzw. Verstehensmatrix der Erkundung. Die Auswertung folgt wiederum im Schulzimmer und zielt vor allem auf die Fähigkeit, dass die Lernenden noch einmal erklären können, weshalb es sich bei den erkundeten Kirchen um eine römisch-katholische oder um eine evangelisch-reformierte Kirche handelt. Mittels Bilder anderer Kirchen(innen)räume kann erhoben werden, ob die Lernenden die exemplarisch erhobenen Unterschiede auf ihnen unbekannte Kirchen übertragen und entsprechend anwenden können.

Rolle der Lehrperson

Die Lehrperson führt vor Ort in die Arbeitsunterlagen ein, sie informiert die Lernenden «wie sie sich als Besucher/in rücksichtsvoll» verhalten (LP21, ERG 4.2a). Ansonsten steht sie für Fragen bereit und organisiert den Wechsel von der einen zur anderen Kirche. Der Fokus liegt auf dem selbständigen Arbeiten der Lernenden.

Je nach Zeitbudget und zusätzlichen Absichten kann die Lehrperson zu Geschichte, Baustil etc. der jeweiligen Gebäude informieren.

Erfahrungen

Die mehrfache Durchführung in unterschiedlichen Kirchen hat gezeigt, dass die Lernenden die Unterschiede zwischen römisch-katholischer und evangelisch-reformierter Theologie und Frömmigkeitspraxis im eigentlichen Sinne begreifen.

Auffällig war zudem, wie viele Fragen die Lernenden stellten. Für die meisten Lernenden war es das erste Mal, dass sie sich umfassend mit einem Kirchenraum beschäftigten. Die Motivation war jeweils hoch und entsprechend konnte starke Neugier verbunden mit entdeckendem Lernen beobachtet werden. Gerade Jugendliche, die nicht im Christentum sozialisiert wurden, zeigten sich besonders interessiert, die Ingredienzien der jeweiligen Konfessionskultur zu eruieren.

Organisatorisches

Es ist möglich, die vorgeschlagene Erkundung im Rahmen einer Doppelstunde durchzuführen, besser ist es freilich, wenn man einen Halbtag zur Verfügung hat und so die Sicherungs-, Übertragungs- und Anwendungssequenz direkt anschliessen kann.

Es ist von Vorteil, wenn die beiden ausgewählten Kirchen nicht weit voneinander entfernt sind; dies erhöht den Effekt des Vergleichs (so nah und doch so verschieden) und man verliert wenig Zeit.

Ebenfalls ist darauf zu achten, dass die Lehrperson ohne grosse Recherche die wichtigsten Informationen zur jeweiligen Kirche erhält. Insofern eignen sich Kirchen, zu denen ein Kunstführer der Reihe «Schweizerische Kunstführer GSK» der Schweizerischen Gesellschaft für Kunstgeschichte erhältlich ist (vgl. www.gsk.ch/de/schweizerische-kunstfuehrer.html), wie im vorliegenden Fall jene zur Dreifaltigkeits- und Heiliggeistkirche in Bern (Galli et al. 2010 / Straub 2017).

Der Besuch mit einer Schulklasse ist natürlich anzumelden (bei den jeweiligen Sigristinnen und Sigristen), auch wenn weder materielle noch personelle Ressourcen in Anspruch genommen werden. Gerade evangelisch-reformierte Kirchen müssen je nach Tageszeit für eine Besichtigung geöffnet werden, was mit entsprechenden Kosten verbunden sein kann. Ebenfalls ist im Vorfeld zu klären, ob irgendwelche Gottesdienste, Trauerfeiern etc. abgehalten werden.

Die Lernenden müssen ein Schreibwerkzeug und eine feste Unterlage mitnehmen.

Zur Handhabung der Arbeitsunterlagen

Die Unterlagen sind auf jede mögliche Erkundung einer römisch-katholischen und evangelisch-reformierten Kirche vor Ort ausgerichtet. Es müssen lediglich die jeweiligen Bilder und die Grundrisse ausgetauscht werden. Auch sind einige Fragen zu adaptieren, die konkret auf die jeweilige Kirche bezogen sind. Überhaupt enthalten die Arbeitsunterlagen viele Fragen, die je nach Kirche und Zeitbudget variabel eingesetzt werden können.

Die Fragen wurden nicht alle selber entwickelt, sondern sind das Resultat eines Zusammenzugs verschiedener entsprechender Arbeitsvorschläge aus dem Bereich der Kirchenraumpädagogik (Rupp 2006) und anderer bereits bestehender Unterlagen (vor allem Medienladen 2006). Der Mehrwert der hier präsentierten Arbeitsunterlage liegt in der Fokussierung auf den interkonfessionellen Vergleich und im niederschwelligen Zugang zum Material mittels der Website erg.ch.

Zusatzmaterial

AB1 Zu Besuch, www.ethik-religionen-gemeinschaft.ch/wp-content/uploads/2018/09/AB1-Zu-Besuch.docx

AB2 Dreifaltigkeitskirche, www.ethik-religionen-gemeinschaft.ch/wp-content/uploads/2018/09/AB2-Dreifaltigkeitskirche.docx

AB3 Heiliggeistkirche, www.ethik-religionen-gemeinschaft.ch/wp-content/uploads/2018/09/AB3-Heiliggeistkirche.docx

Literatur

Dörnemann, Holger (2014): Kirchenpädagogik. Ein religionsdidaktisches Prinzip. Grundannahmen – Methoden – Zielsetzungen, Berlin (Kirche in der Stadt 18).
Galli, Folco / Rümelin, Christian / Vogel, Andreas (22010): Die Dreifaltigkeitskirche in Bern, Bern (Schweizerische Kunstführer GSK).
Medienladen (2006): Christentum. Basics.Wissen.Anregungen [CD-ROM].
Rupp, Hartmut (Hrsg.) (2006): Handbuch der Kirchenpädagogik. Kirchenräume wahrnehmen, deuten und erschliessen, Stuttgart.
Straub, Jan (2017): Die Heiliggeistkirche und das Burgerspital in Bern, Bern (Schweizerische Kunstführer GSK).
Artikelnachweis
Kessler, Andreas (2018): Konfession und (Innen-) Architektur. Erkundung einer römisch-katholischen und einer evangelisch-reformierten Kirche, in: erg.ch – Materialien zum Fach Ethik, Religionen, Gemeinschaft (Online-Publikation), www.ethik-religionen-gemeinschaft.ch/kessler-konfession-und-architektur/

Über Andreas Kessler

Dr. Andreas Kessler ist Dozent für Fachdidaktik «Ethik, Religionen, Gemeinschaft» am Institut für die Sekundarstufe I der PHBern, Studienleiter «Religionslehre» an der Universität Luzern sowie Dozent für Fachdidaktik «Religionslehre» auf den Stufen Sekundarstufe I und Sekundarstufe II an der Universität Fribourg.