«Learning about my religion»


«Learning about my religion»

Schülerinnen und Schüler begegnen ihrer Herkunftsreligion im Schulfach «Religion und Kultur»

In diesem Beitrag werden die Ergebnisse von drei an der Pädagogischen Hochschule Zürich eingereichten Masterarbeiten skizziert. Es wurde untersucht, wie Schülerinnen und Schüler aus religiös-kulturellen Minderheiten den religionskundlichen Unterricht über ihre eigene Herkunftsreligion im Fach «Religion und Kultur» erleben.
Von Johannes Rudolf Kilchsperger und Karin Zopfi Bernasconi

Fragestellung

An der PH Zürich entsteht eine Reihe von Masterarbeiten zum Themenbereich «Schülerinnen und Schüler aus religiös-kulturellen Minderheiten im Schulfach Religion und Kultur».

Bisher liegen drei Arbeiten zur Sekundarstufe I vor: Zwei Studentinnen haben Gespräche mit muslimischen Schülerinnen und Schülern geführt[1], eine Studentin hat Hindus befragt[2]. Wie erleben muslimische bzw. hinduistische Schülerinnen und Schüler den Unterricht zu Aspekten der Religion, der sie selber zugehören? Wie verhält sich das, was ihnen im Unterricht begegnet, zu dem, was sie aus ihrer religiösen Sozialisation mitbringen? Wie beteiligen sie sich? Wie erleben sie die Lehrperson und ihre Mitschülerinnen und Mitschüler im Unterricht?

Schon bei der Konzeption des noch immer jungen religionskundlichen Faches «Religion und Kultur» wurde von verschiedener Seite kritisch gefragt, ob ein Unterricht, der nicht von einer Lehrperson der betreffenden Religionsgemeinschaft erteilt werde, sachgerecht erfolgen und den gesellschaftlichen Mehr- und Minderheiten gerecht werden könne. Insbesondere von muslimischer Seite wurden Befürchtungen geäussert: Was kommt heraus, wenn muslimische Kinder in der Schule von nicht-muslimischen Lehrpersonen über den Islam unterrichtet werden? Schon Generationen zuvor hatten die Katholiken im Kanton Zürich Bedenken gegenüber dem biblischen Unterricht in der Schule, der durch meist protestantische Lehrkräfte erteilt wurde.

Wird ein religionskundlicher Unterricht für Kinder nicht nolens volens zu einem Religionsunterricht, sobald die Religion ihrer Herkunft zum Thema wird? Diese Frage stellt sich umso mehr, als ihre religiöse Sozialisation oft gering ist und sie somit kaum über Konzepte verfügen, über ihre religiöse Tradition ausserhalb von Familie und Religionsgemeinschaft zu reden.

Wie wird religionskundlicher Unterricht von den beteiligten Jugendlichen wahrgenommen, wenn er sich auf ihre eigene Religion bezieht? Machen sie eine Unterscheidung zwischen religionskundlichem und religiösem Unterricht? Fühlen sie sich bedrängt, wenn die Religion, in der sie – mehr oder weniger – aufwachsen, angesprochen wird, und werden sie durch explizite oder implizite Zuschreibungen im Unterricht festgelegt? Oder erfahren sie die Thematisierung ihrer Religion als Wertschätzung und Anerkennung? Werden zum Beispiel albanische oder bosnische Schülerinnen und Schüler, wenn sie in der Schule vom Islam erfahren, gar erst zu Muslimen gemacht? Werden Lernende sich im Unterricht mit ihrer Religion identifizieren, oder werden sie gerade durch den Schulunterricht ihren Traditionen entfremdet?

Für viele Jugendliche ist es ungewohnt, über ihre Religion ausserhalb ihrer religiösen Gemeinschaft zu sprechen, für andere ist es eine Zumutung, mit kritischen Aussensichten konfrontiert zu werden oder gar Gedanken klassischer Religionskritik zu begegnen. Nicht zuletzt machen sich muslimische Eltern Gedanken, was mit ihren Kindern geschieht, wenn sie mit verschiedenen religiösen Traditionen im Rahmen der Schule bekanntgemacht werden, und insbesondere sorgen sie sich, welche Inhalte und Deutungen (und Wertungen!) von «Islam» ihnen dabei vermittelt werden.

Zu solchen Fragen geben die vorliegenden Masterarbeiten Hinweise. Halbstandardisierte Interviews mit Schülerinnen und Schülern sowie Gespräche mit ihren Lehrpersonen wurden mit qualitativen Inhaltsanalysen ausgewertet. Die Arbeiten wurden von einer Psychologin und einem Fachdidaktiker «Religion und Kultur» gemeinsam betreut.

Muslimische Schülerinnen und Schüler in Religion und Kultur

Im Jahr 2013 wurden zehn muslimische Sekundarschülerinnen und Sekundarschüler aus zwei Schulen befragt, im Jahr 2018 noch einmal acht Schülerinnen und Schüler derselben Stufe aus zwei anderen Schulen. Das sind begrenzte Stichproben, die aber durchaus interessante Befunde ergeben. Ohne zu generalisieren, kann man sagen, dass diese Schülerinnen und Schüler den Unterricht zum Islam positiv erlebt haben. Er hat sie motiviert, sich zu beteiligen, sich mitzuteilen und auch Fragen zu stellen. Sie nahmen ihre Mitschülerinnen und Mitschüler als interessiert und respektvoll wahr. Nicht zuletzt dank der Beteiligung der muslimischen Schülerinnen und Schüler kam die Diversität religiöser Praxis innerhalb des Islam gut zum Ausdruck. Diesen Befund von Pluralität innerhalb einer Religion angemessen zu verstärken, ist die Aufgabe der Lehrperson.

Die Schülerinnen und Schüler mit muslimischem Hintergrund geben auch an, in der Schule Neues zum Islam erfahren zu haben. Allerdings fällt es ihnen oft nicht leicht, ihre Lernerfolge konkreter zu benennen. Sie akzeptieren die Lehrperson und können deren Äusserungen auch kritisch einschätzen, wenn diese irritieren. Sie anerkennen, dass sich (in diesem Fall:) die Lehrerin als Nichtmuslimin im Islam auskennt und können Unterrichtsinhalte auf ihre Lebenswelt beziehen und auch Diskrepanzen erkennen. Es wird ebenfalls deutlich, dass das Schulfach über das Thema Islam hinaus positiv erlebt wird, weil Schülerinnen und Schüler sich da einbringen und über die Lebensweise anderer etwas erfahren können. Man kann annehmen, dass dadurch auch das Interesse an der Auseinandersetzung mit anderen religiösen Traditionen und der Bezug zu Lebenswelten der Mitschülerinnen und Mitschüler gefördert wird.

«Man kann auch zur eigenen Religion etwas lernen.»

«Es gab auch ein paar Sachen, die ich vom Islam vergessen oder sogar gar nicht gewusst habe. Aber das lernt man dann sehr schnell.»

«Also, es ist gut, dass die anderen mehr lernen über diese Religion. Dass sie lernen, dass die Religion anders ist, als sie sie kennen.»

«Also ich finde ganz gut, dass man über andere Religionen lernt, und unsere Religion auch besser kennenzulernen.»

«Dann konnte man sich auch austauschen, so dass es alle mitbekommen.»

«Also praktisch betet keiner aus meiner Familie. Aber wir glauben an Gott.»

«Ich habe es geliebt. Ich hätte es jeden Tag machen können … egal welche Religion.»

«Ja, ich finde es eine gute Sache […], weil da sieht man die anderen Religionen. Wie sie beten und was sie essen dürfen und was nicht. Wir dürfen kein Schweinefleisch essen und sie schon. Und das ist ja spannend. Einfach so zu sehen, was sie zu Hause machen oder in der Freizeit.»

«Also, was eigentlich war, ist, dass [die Lehrerin] sehr viel wusste über den Islam. Also, das war irgendwie komisch, weil ich glaube, sie ist Christin oder, […] also nein, ich weiss nicht, was sie ist […], aber sie ist die Lehrerin, deshalb weiss sie viel.»[3]

Hinduistische Schülerinnen und Schüler in Religion und Kultur

Im Jahr 2017 wurden fünf Schülerinnen und fünf Schüler des 7. bis 9. Schuljahres befragt. Bis auf einen Jugendlichen handelt es sich um Hindus mit familiärer Herkunft aus Sri Lanka.

Alle Befragten haben den Unterricht zum Hinduismus im Rückblick positiv erlebt. Dabei waren sie zu Beginn, als das Thema Hinduismus bevorstand, nicht ohne Befürchtungen. Entweder reagierten die Mitschülerinnen und Mitschüler im Unterricht interessiert und positiv, oder sie selber lernten mit unangenehmen Situationen (Unverständnis, Gelächter) umzugehen. Sie äusserten Unsicherheit, wie Mitschüler und Mitschülerinnen reagieren, sowie Scham, wenn sie etwas nicht wussten oder nicht plausibel beantworten konnten. Unangenehm war sowohl, bei Unverständnis der anderen von der Lehrperson in Schutz genommen zu werden, als auch in der Klasse (zur Frage des Kastenwesens) bedrängt zu werden oder Innensichten («eine andere Sicht») nicht einbringen zu können.

Die meisten geben an, von Kasten zum ersten Mal in der Schule gehört zu haben, ebenso von Vorstellungen von Wiedergeburt.[4] Bemerkenswert ist jedoch, dass die Jugendlichen angeben, durch Filme gelernt zu haben. Die im Unterricht verwendeten Medien haben offenbar die Lebenswelt von Tamilinnen und Tamilen in der Schweiz so dargestellt, dass die Jugendlichen mit ihren Vorerfahrungen daran anknüpfen, ihre Sichtweisen differenzieren und sich auch abgrenzen konnten, wo das Gezeigte nicht ihren Verhältnissen entsprach.

Die Aussensicht ist für die tamilischen Jugendlichen interessant, auch die Aussensicht der Lehrperson. Bei den meisten Schülerinnen und Schülern hat der Unterricht, in dem Aspekte des Hinduismus berührt wurden, Interesse und Motivation gefördert und sie ermutigt, sich zu beteiligen. Er regte sie zu Gesprächen mit ihren Angehörigen an. Peinlich war es für sie, wenn Mitschülerinnen und Mitschüler ihr Befremden äusserten; unangenehm waren ihnen die Scham, wenn sie selber mit Fragen überfordert waren, oder auch Ärger, wenn sie gar durch Äusserungen anderer bedrängt wurden. Selbst wenn die Lehrperson Themen wie Kasten und Wiedergeburt einbrachte, welche die befragten Jugendlichen irritierten, wurde die Zuständigkeit der Lehrperson nicht grundsätzlich in Frage gestellt. Offenbar entwickelte der Unterricht die Möglichkeit, sich bei Bedarf auch durch Abgrenzung zu positionieren. Den Unterricht würdigten die Jugendlichen schliesslich als Gelegenheit, zum ersten Mal mit Aussenstehenden, insbesondere Gleichaltrigen, über ihre Religion und Kultur zu sprechen.

«Am Anfang denkt man sich so: Ja, lieber doch kein Hinduismus. Ich weiss ja schon viel. Und es kommen Fragen und so … Aber mit der Zeit habe ich recht Freude gehabt, dass wir das nochmals behandelt haben.»

«Ich habe manchmal ein bisschen Schiss, weil sie kennen das nicht und für die ist es sehr anders. […] Also jetzt kennen sie es, weil sie auch interessiert sind und viel Verbindung mit dem haben.»

«Ja ich habe es normal gefunden. Die anderen haben angefangen ein bisschen zu lachen … Man versteht es ja nicht.»

(Zum Film über das Ganesha-Fest einer Gemeinschaft in Sursee:) «Es hat so eine Ganesha-Figur, dann tauchen sie es im See unter. Und das ist voll anders gewesen. Ich mache das nie. Und sie haben das gemacht, das ist voll anders gewesen.»

«Also in der Schule betrachtet man ja alles von aussen, und ich weiss, wie es drinnen ist und schlussendlich kommt es schon aufs Gleiche, aber man sieht es wie aus einer anderen Sicht.»[5]

Fazit

Die befragten Schülerinnen und Schüler erleben den Unterricht im Fach «Religion und Kultur» gerade auch dann positiv, wenn es um die Religion geht, der sie selber zugehören, selbst wenn sich Spannungsmomente ergeben. Sie lernen das, was ihnen im Fach begegnet, mit ihren Erfahrungen und Kenntnissen in Verbindung zu bringen und erkennen auch Diskrepanzen zu ihrer Lebenswelt. Der Unterricht ermöglicht ihnen einen Zugang zur Kommunikation über Aspekte ihrer Lebenswelt.

Die Gespräche, welche die Autorinnen mit Schülerinnen und Schülern zu ihren Erfahrungen im Fach «Religion und Kultur» geführt haben, erweisen sich als ergiebig. Sie nehmen heikle Punkte auf und belegen die Praktikabilität und Resonanz des Fachprofils «Religion und Kultur» bei den Lernenden. Die drei Studien bestätigen die Relevanz des Faches auch aus der Sicht von Schülerinnen und Schülern. Dabei hat der Schulunterricht nicht einfach ihre Vorerfahrungen bestätigt, sondern die Schülerinnen und Schüler durch Aussensichten angeregt und kommunikativ herausgefordert: Der Unterricht hat ihnen Gelegenheit gegeben, sich mit Traditionen in ihrer Lebenswelt auseinanderzusetzen und sich mit anderen zu verständigen.

Die Autorinnen der Masterarbeiten kommen zu dem Schluss, dass die Befunde ihrer Studien sie als Lehrpersonen ermutigen, religionskundlichen Unterricht zu erteilen. Wenn sie auch auf kritische Punkte aufmerksam machen, sehen sie sich von den Jugendlichen in der Aufgabe als Lehrperson im Fach «Religion und Kultur» nachdrücklich bestärkt:

«In der Ausbildung lernt man nicht nur viel, sondern merkt auch, wie viel man nicht weiss. Viele Lehrpersonen bekommen Respekt davor, Schülerinnen und Schüler zu ihrer eigenen Religion zu unterrichten. Die Angst etwas Falsches zu sagen und dadurch die eigene Glaubwürdigkeit zu verlieren, taucht auf. Die Ergebnisse dieser Untersucheng zeigen aber, dass die Lernenden tolerant sein können.»[6]

Anmerkungen

[1] Feldmann, Martina (2013): Wie erleben muslimische Lernende den Religion-und-Kultur-Unterricht zum Thema Islam? Masterarbeit an der Pädagogischen Hochschule Zürich; und: Desole, Joëlle (2018): Muslimische Schülerinnen und Schüler im Schulfach Religion und Kultur. Masterarbeit an der Pädagogischen Hochschule Zürich.
[2] Arackal, Heidi (2017): Hinduistische Schülerinnen und Schüler im Schulfach Religion und Kultur. Masterarbeit an der Pädagogischen Hochschule Zürich.
[3] Äusserungen von Schülerinnen und Schülern in den Studien von Feldmann (2013) und Desole (2018), s. o. Anm. 1.
[4] Mit diesem Punkt berühren die Schülerinnen und Schüler konzeptionelle und inhaltliche Schwächen des Unterrichts. Es ist problematisch, wenn Themen in einer essentialisierenden Weise ohne Bezug zu konkreten kulturell-situativen Kontexten zur Sprache kommen, in denen sie relevant sind. Die Hindus in der Klasse konnten jedenfalls «Kasten» und «Wiedergeburt» nicht mit der ihnen bekannten Religion in Verbindung bringen. Diese Themen stellten für sie Diskrepanzen zu ihrer Lebenswelt dar. Sie stehen vielmehr für gesellschaftliche Diskurse, die Hindus in Europa von aussen aufgedrängt werden.
[5] Äusserungen von Schülerinnen und Schülern in der Studie von Arackal (2017), s. o. Anm. 2.
[6] Feldmann (2013), S. 69
Artikelnachweis
Kilchsperger, Johannes Rudolf / Zopfi Bernasconi, Karin (2019): «Learning about my religion». Schülerinnen und Schüler begegnen ihrer Herkunftsreligion im Schulfach Religion und Kultur, in: erg.ch – Materialien zum Fach Ethik, Religionen, Gemeinschaft (Online-Publikation), www.ethik-religionen-gemeinschaft.ch/kilchsperger-zopfi-bernasconi-learning-about-my-religion/