Die Philo-Kinder


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Die Philo-Kinder

Ein Lehrmittel für Kindergarten und Unterstufe (Zyklus 1)

Die Philo-Kinder – zehn grosse Fragen zum gemeinsamen Nachdenken über das gute Leben. Ein kinderphilosophisches Lehrmittel für das sozialkundliche und ethische Lernen im Kindergarten und auf der Unterstufe (Zyklus 1), Lausanne 2019.
Von Sophia Bietenhard und Petra Bleisch

Ausgangslage

Kinder zwischen vier und acht Jahren sind wissbegierig und stellen viele Fragen. Dazu gehören auch die grossen «Warum-Fragen», die nach Lebenssinn und dem guten und rechten Handeln fragen, also ethische und existentielle Dimensionen enthalten. Bislang fehlte aber ein Lehrmittel für die Eingangsstufe, welches solche Fragen der Kinder aufnimmt, um sie gezielt in der Schule bearbeiten zu können. Mit diesen Fragen verbunden sind zudem die Lernziele und Kompetenzen zum sozialen und ethischen Lernen sowie zur citoyenneté der harmonisierten Lehrpläne Plan d’études Romand (PER) und Lehrplan 21. Das Lehrmittel «Die Philo-Kinder» erlaubt die kompetenzorientierte Arbeit an sozialkundlichen und ethischen Lerngegenständen.

Christine Fawer Caputo (HEP Vaud) und Samuel Heinzen (HEP Fribourg) entwickelten für die französischsprachige Schweiz das Lehrmittel «Les Zophes. Dix grandes questions pour construire une réflexion éthique» (Fawer Caputo / Heinzen 2017; www.zophes.ch). Das Lehrmittel erschien 2017 und ist offizielles Lehrmittel in den Kantonen Waadt, Wallis und Jura sowie den frankophonen Teilen der Kantone Freiburg und Bern, wo es jeweils hauptsächlich im Kindergarten eingesetzt wird (Fawer Caputo / Heinzen in print). Sophia Bietenhard und Petra Bleisch adaptierten das Lehrmittel für die deutschsprachige Schweiz, wo es im Juni 2019 online ging (Angaben für den Bezug am Schluss).

Verortung in den kinderphilosophischen Traditionen und den Anliegen des Lehrplan 21

Das Lehrmittel steht in der Tradition des methodisch geleiteten, sokratischen Gesprächs und ist inspiriert von Mathew Lipman, einem der Begründer der sokratischen Gesprächsführung und des Neo-Pragmatikers Robert B. Brandon (Fawer Caputo / Heinzen in print). Ein weiterer Hintergrund für die Methodik der Materialien bilden die langjährigen Forschungsarbeiten der Unité de Recherche Philosophie pour enfants der PH Freiburg (Heinzen / Ducotterd / Hess 2009; Heinzen 2011a; Heinzen 2011b; Hess 2014; Heinzen / Ducotterd 2018). Nicht zuletzt durch die Initiative von Eva Zoller Morf hat sich das Philosophieren mit Kindern in Schulen der deutschsprachigen Schweiz verbreitet und ist zu einem beliebten überfachlichen Zugang avanciert.

Kinderphilosophinnen und Kinderphilosophen gehen davon aus, dass das Denkvermögen sowohl die Entwicklung der emotionalen, sozialen und kommunikativen Fähigkeiten anstösst als auch die Bildung von Fantasie, Imagination und Ästhetik unterstützt. Damit fördern philosophische Gespräche die überfachliche Methodenkompetenz in erheblichem Mass. Untersuchungen zeigen, dass regelmässige philosophische Gespräche sprachliche Ausdrucksfähigkeit, Metareflexion, Interesse an Sachverhalten, Argumentationslogik, Entscheidungswillen und Mut zur eigenen Meinung, (Selbst-) Kritik und Kommunikationsmethoden entwickeln helfen (vgl. den Überblick bei Michalik 2018). Dies sind wichtige Fähigkeiten für die Teilhabe der künftigen Staatsbürgerinnen und -bürger am demokratischen Leben in einer vielfältigen Welt. Sonst sehr zurückhaltende Kinder bringen sich in philosophischen Gesprächen, die strukturiert, am Inhalt orientiert und doch ergebnisoffen verlaufen, zunehmend aktiv ein. Weiter ist festzustellen, dass sich die Lernenden auch bei anderen schulischen Gelegenheiten an die Gesprächsregeln halten, die in philosophischen Gesprächen oder in Klassenratsverhandlungen eingeführt werden. Dies unterstützt das Benennen schwieriger Sachverhalte, das Begründen der eigenen Befindlichkeit und das geleitete Aushandeln von Lösungen. Anhand von einfachen anschaulichen Instrumenten (vgl. unten Materialien zu «Die Philo-Kinder») üben die Lernenden, die eigenen dialogischen Fähigkeiten und ihre Entwicklung im «selber Denken» (Zoller Morf 2010) einzuschätzen.

Der Lehrplan 21 siedelt das Philosophieren als «Schule der Nachdenklichkeit» (Martens 2003) im Fach «Natur, Mensch, Gesellschaft (NMG)» und in «Ethik, Religionen, Gemeinschaft (ERG)» an. Die didaktischen Hinweise zum Fach NMG gewichten das Philosophieren als Fähigkeit, ergebnisoffene Fragen zu stellen und zu klären. Die Lehrplankompetenz «Die Schülerinnen und Schüler können philosophische Fragen stellen und über sie nachdenken (NMG 11.2 und ERG 1.2)» führt das Philosophieren zudem spezifisch als Lernzugang und Lerninhalt auf: Die Lernenden befragen und erkunden methodisch geleitet Sachphänomene, Grunderfahrungen der menschlichen Existenz, Sinnentwürfe sowie soziale und ethische Problemstellungen. Im Dialog lernen sie, unterschiedliche Perspektiven einzunehmen, Ansichten und Überzeugungen zu hinterfragen, zu begründen und zu argumentieren. Philosophische Diskussionen tragen zur Meinungsbildung und zur engagierten Haltung in aktuellen gesellschaftlichen Debatten bei. Alle kinderphilosophischen Ansätze sehen die Schülerinnen und Schüler als Hauptakteure der Gespräche, da sie dabei eigene Ansichten entwickeln sowie ausdrücken und sich gleichzeitig mit denjenigen der anderen auseinanderzusetzen lernen. Kognitive, soziale und kommunikative Denk-, Arbeits- und Handlungsweisen sind eng miteinander verknüpft.

Damit unterstützt das Lehrmittel auch die Sprachförderung, indem Kinder lernen, Gesprächen zu folgen und dabei Aufmerksamkeit zu zeigen; eigene Gefühle und Gedanken sowie Erlebnisse und Erfahrungen zum Ausdruck zu bringen; an einem Gespräch teilzunehmen und die entsprechenden Gesprächsregeln (meist) einzuhalten; sich mithilfe konkreter Fragen über ein Gespräch und das eigene Gesprächsverhalten auszutauschen; Erfahrungen mit Gesprächsverhalten und Gesprächsregeln in der Grossgruppe zu sammeln und zur eigenen Meinung zu stehen, auch wenn sie von der Mehrheit abweicht (Kompetenzbereiche D.1 Hören; D.3 Sprechen; D.5 Sprache(n) im Fokus).

Adaption für deutschsprachige Zyklus-1-Klassen

Der verbreitete Einsatz von «Les Zophes» in den meisten Kantonen der Romandie sowie der Umstand, dass für die deutschsprachige Schweiz kein Lehrplan-21-kompatibles Lehrmittel vorlag, veranlasste den Agora-Verlag dazu, das Lehrmittel auch für die deutschsprachige Schweiz nutzbar zu machen. Die Adaptation des Lehrmittels betraf nebst der Anbindung an den Lehrplan 21 insbesondere die Erweiterung der Hintergrundinformationen für Lehrpersonen (Fachwissen, Entwicklungspsychologie) bei den meisten Themendossiers.

Mit «Les Zophes» und «Die Philo-Kinder» liegt damit zum ersten Mal ein Lehrmittel für den zweisprachigen Anfangsunterricht vor, das gerade auch in bilingualen Klassen eingesetzt werden kann, da es die Verbindung von Sache (Lerngegenstand) und Sprache fördert. Der Fokus des Lehrmittels auf die methodisch geleitete Schulung der Dialogfähigkeiten erlaubt deren Anwendung auf Gespräche zu allen Lerninhalten.

Inhaltsbezüge: Themen zum sozialkundlichen und ethischen Lernen

Inhaltlich richtet sich «Die Philo-Kinder» auf sozialkundliche und ethische Lerngegenstände aus. Kinder erfahren soziale Beziehungen zunächst in der engeren und erweiterten Familie, in der Nachbarschaft, auf Ausflügen oder auf Reisen. Die meisten erleben zudem vor dem Kindergarten- und Schulbeginn in Spielgruppen, Kindertagesstätten oder in organisierten Freizeitangeboten erste strukturierte Angebote zum sozialen Lernen. Hier bauen die Lernenden Kontakte und Beziehungen zu anderen Menschen auf, üben erste Kommunikationsformen, Interaktionen und Verhaltenskonventionen ein und setzen sich mit vorher unbekannten Leuten auseinander. Diese Lernprozesse sind grundlegend für die Identitätsentwicklung. Sowohl die Kultur- und Gesellschaftswissenschaften als auch die Entwicklungspsychologie gehen davon aus, dass Menschen – egal welchen Alters – erst durch den Austausch mit und die Beziehung zu anderen Menschen ihre eigene Identität und Persönlichkeit entwickeln: «Identität ergibt sich aus der Perspektive, die andere von uns haben» (Dubach / Fuchs 2006, S. 25; vgl. Siebach / Gebauer 2014).

Mit dem Übertritt in den Kindergarten werden die vergleichsweise grossen Gruppen und organisierten Lernumgebungen zu bedeutungsvollen Faktoren für das Sozialleben der Kinder. Auf dem Weg zum Kindergarten und zur Schule, auf dem Nachhauseweg, auf dem Pausenplatz, in freien Lern- und Spielarrangements, beim Mittagstisch, in Tandem- und Gruppenarbeiten, mit der Pultnachbarin oder dem Tischnachbarn, in den Umkleideräumen der Sporthallen, auf Exkursionen und Ausflügen, an Kindergeburtstagen, bei Anlässen mit Übernachten oder später auf Schulreisen und in Landschulwochen befinden sich die Schülerinnen und Schüler in steter Interaktion mit anderen. Auch Wegschauen, Hänseleien und Mobbing sind – wenn auch grausame – Kommunikationsformen. In diesen mannigfachen informellen Begegnungen geschieht mehr Sozialisation, als die Lehrpersonen überblicken können. Oft ist es nicht die Sorte Erziehung, die ihnen lieb ist, denn hier werden auch zweifelhafte Werte und Normen vermittelt: Die Peer-Gruppe verordnet das «richtige Verhalten» bis hin zum Kleiderkodex. Es werden Ordnungen und Machtgefüge errichtet, und es wird über Zugehörigkeit und Ausschluss entschieden (Bietenhard / Juska-Bacher 2019, S. 2–7).

Das Lehrmittel «Die Philo-Kinder» thematisiert diese alltagsweltlichen Erfahrungen der Kinder, die sie in den Kindergarten und die Schule hineintragen und auch dort erleben. Anhand der Wimmelbilder, den Geschichten und Fragehilfen lernen sie, über ihre Vorstellungen und Erlebnisse auszutauschen und sie zu benennen. Sie bemerken, dass es Erfahrungen sind, die andere ebenfalls, auf ähnliche oder auch ganz andere Weise machen, dass man sich darüber austauschen kann und es auch verschiedene Wege gibt, schwierigen Situationen zu begegnen. Die Auseinandersetzung wird zum Lernprozess über allgemeine, objektivierbare Themen wie Beziehung, Werte und Normen und Eigenschaften des Menschen und des Zusammenlebens von Menschen. Anliegen des sozialen Lernens und der Identitätsbildung wie Eingliederung und Eigenständigkeit werden damit zu Zielen von erkenntnisorientierten Lernprozessen über zentrale Inhalte des sozialkundlichen, ethischen und politischen Lernens. Die Sprach- und Begriffsbildung spielen dabei eine zentrale Rolle.

Auswahl der Lerngegenstände

Das Lehrmittel «Die Philo-Kinder» konkretisiert die oben skizzierten Ausrichtungen und Kompetenzen anhand folgender zehn Lerngegenstände: Freundschaft, Wut, Vielfalt, Freude/Glück, Gemeinheit, Tod, Erlaubt / nicht erlaubt, Angst, Geheimnisse und Wahrheit.

Entsprechend aktueller philosophischer und didaktisch ko-konstruktiver Anliegen sollen diese Inhalte fragend erkundet werden und sind entsprechend im Lehrmittel auch in Frageform formuliert. Die ausgewählten Lerngegenstände bzw. Fragen stehen in einer möglichst engen Verbindung mit der Lebenswelt sowie der kognitiven und psycho-sozialen Entwicklung von Kindern der Eingangsstufe. Dabei wurden insbesondere Fragen berücksichtigt, welche die Kinder von sich aus stellen und die für Lehrpersonen herausfordernd sein können (z. B. Tod, Gemeinheit, Wahrheit). Die Fragen sollen es den Lernenden ermöglichen, ihre Erfahrungen und Vorstellungen zu äussern und zu Einsichten in die Vielfalt von Lebens- und Denkweisen zu gelangen (z. B. Freundschaft, Erlaubt / nicht erlaubt) sowie ihre eigenen Gefühle und diejenigen anderer Kinder zu verstehen (z. B. Freude, Wut, Angst). Ein Teil der Fragen wurde ausgewählt, um die Sozialisation sowie die individuelle und gemeinschaftliche Verantwortung zu unterstützen, mit dem Ziel, zu einem Zusammenleben in der demokratischen Gesellschaft beizutragen (éducation à la citoyenneté) und gleichzeitig der individuellen Freiheit Rechnung zu tragen (z. B. Freundschaft, Erlaubt / nicht erlaubt). Andere Fragen schreiben sich in eine spezifisch ethische Reflexion ein (z. B. Wahrheit) (Fawer Caputo / Heinzen in print). Die mit den grossen Fragen verbunden sozialkundlichen und ethischen Lerngegenstände werden im Lehrmittel sachbezogen eingeführt und didaktisch kommentiert.

Didaktisches Konzept, Lehrmittelteile und Materialien

Der Aufbau des Lehrmittels gibt den Lehrpersonen viele Möglichkeiten zur eigenständigen Gestaltung der Lektionen und Gesprächsrunden. Grundlegend ist das didaktisch-methodische Gerüst der Gesprächsführung mit den Materialien der Matte, den Piktogrammen, den Identifikationsfiguren der Philo-Kinder sowie einem Wimmelbild und einer Geschichte zu jedem Thema. Jeder Lerngegenstand wird von knapp gehaltenen Informationen zu den grundlegenden Konzepten, den Bildungsanliegen und den Lehrplanbezügen begleitet. Eigentliche Planungsvorschläge oder Lernaufgaben enthält das Lehrmittel nicht. So kann die Lehrperson spontane Gespräche zu aktuellen Ereignissen führen, oder sie kann die Materialien und didaktischen Anregungen benutzen, um methodisch geleitete Gespräche in umfassende Lernarrangements zu einem Lerngegenstand einzubetten.

Die Offenheit der didaktischen Anlage spiegelt sich im roten Faden der Frageimpulse zu jedem Thema: Die Lehrpersonen können sich anhand von Fragereihen zum Wimmelbild und zur Geschichte in die Thematik einarbeiten und die Fragen ebenfalls als Impulse und Weiterführungen in den Gesprächen nutzen. Damit entspricht «Die Philo-Kinder» kinderphilosophischen Anliegen, die Welt und ihre Phänomene anhand von Fragen zu erkunden und zu erschliessen.

Das Lehrmittel besteht aus zwei Teilen:

  1. Ein Koffer mit Materialien, welche die Gespräche zu den zehn grossen Fragen strukturieren helfen, und eine Broschüre mit einer Einführung und Übersicht zum Lehrmittel mit einem Zugangscode zu den inhaltlichen Darstellungen und didaktischen Hilfen für die zehn Fragen bzw. Themen.
  2. Die digital zugänglichen didaktischen Unterlagen führen in die Themen der zehn grossen Fragen ein und bieten didaktische Hilfen für gemeinsame Nachdenkgespräche.

Koffer

Der Koffer enthält folgende Materialien:

(Die nachfolgenden Abbildungen und Erläuterungen sind – wie alle Bilder dieses Beitrags – mit freundlicher Genehmigung von Éditions Agora der Webseite www.philo-kinder.ch entnommen.)

Der handliche Koffer enthält 3D-Materialien zum Beleben der lustigen und bunten Welt der Philo-Kinder, die Ihre Klasse beim Erkunden der zehn sozialkundlichen, ethischen und existenziellen Themen begleiten.

Broschüre

In der Broschüre erfahren Lehrpersonen alles Wesentliche zur erfolgreichen Anwendung des Materials und erhalten einen persönlichen Zugangscode für die Website www.philo-kinder.ch.

Galerie der Philo-Kinder

Die acht Figuren auf A4-Karten bilden den roten Faden des Lehrmittels. Die Schülerinnen und Schüler finden sie sowohl auf den Wimmelbildern als auch in den Philo-Geschichten wieder.

Sie bieten Identifikationsfiguren mit Persönlichkeiten, die unterschiedlich auf die Welt zugehen und an Gesprächen teilnehmen: Ronny Ruhig, Fanny Fröhlich, Wanja Wild, Pippa Pfiffig, Ella Ernsthaft, Nino Neugier, Linus Lieb, Timo Träumer.

Die zehn Wimmelbilder

Die bunten Bilder zeigen zahlreiche Szenen, welche die Diskussion zu den vorgeschlagenen Themen anregen. Als Schauplätze wurden den Kindern vertraute Orte gewählt (wie Pausenplatz, Spielplatz, Klassenzimmer, Schwimmbad).

In den digitalen Begleitunterlagen finden Sie jeweils eine Reihe von Fragen, um die Bilder mit den Schülerinnen und Schülern zu erkunden und von dieser Betrachtung auf weiterführende Fragen zum Thema zu kommen.

Die Piktogramme

Sie dienen der (Selbst-) Einschätzung des Gesprächsverlaufs. Die Lehrperson kann sie auch als Gesprächsregeln benutzen.

Von links oben nach rechts unten:

  • Zuhören
  • Beim Thema bleiben
  • Andere zu Wort kommen lassen
  • Beiträge in die Diskussion einbringen

Die Matte

(kreisrunde Plane, Durchmesser 2m)

Die Schülerinnen und Schüler setzen sich im Kreis um die Matte und treten ins Gespräch über ein Wimmelbild oder eine Philo-Geschichte ein. Am Rand der Matte ist der bunte Reigen der wichtigsten Philo-Kinder zu sehen. Die Kinder können sie sich so während der Gesprächsrunden einprägen.

Die Ergebnistafel

(magnetisch)

Die Lehrperson benutzt sie, um während des Gesprächs oder am Schluss die wichtigsten Punkte zusammenzufassen. Damit lassen sich die Ideen und Vorschläge der Schülerinnen und Schüler schriftlich festhalten.

Die Leiter zum Nachdenken über das Gespräch

Sie ist auf der Matte eingezeichnet und dient als Skala, auf der die Schülerinnen und Schüler mit der Lehrperson die Piktogramme oder auch eigene, reflexive Figuren platzieren und über den Verlauf des philosophischen Gesprächs und ihre Beteiligung daran nachdenken können.

Aufbau der thematischen Anregungen am Beispiel des Dossiers «Wahrheit»

Eine kurze Erläuterung des Lerngegenstands «Du sollst nicht lügen»: Diese alte, erfahrungsgesättigte Weisung aus vielen Kulturen der Menschheitsgeschichte lernen Kinder früh kennen, erst in der Familie und später in der Gesellschaft.
Kind und Lerngegenstand Im Alltag jedoch werden Kinder ausgesprochen dazu angeleitet, das Lügenverbot zu missachten, beispielsweise wenn es darum geht, taktvoll oder behutsam zu sein, um jemanden nicht zu verletzen.
Ein Schema als concept map, das die wesentlichen Punkte darstellt und miteinander in eine spannungsvolle Beziehung bringt

Bildungsanliegen und Kompetenzorientierung

Bezüge zum Lehrplan 21, z. B.:

Die Schülerinnen und Schüler …

  • können beschreiben, was ihnen und Menschen in ihrer Umgebung wertvoll und bedeutsam ist (NMG 11.3.a).
  • können ethisch problematische Situationen aus der Lebenswelt beschreiben und diskutieren (NMG 11.4.b).

Das gemeinsame Sprechen über die vielen Facetten von Wahrheit und Lüge unterstützt die Lernenden beim Erwerb der folgenden Fähigkeiten:

  • anhand konkreter Beispiele die verschiedenen Gründe ermitteln, weshalb jemand die Wahrheit sagt oder lügt,
  • sich der unmittelbaren und langfristigen Folgen wahrer oder falscher Aussagen bewusst werden,
  • mit der Spannung zwischen der Verpflichtung, die Wahrheit zu sagen einerseits und dem Befolgen anderer Werte wie Rücksicht auf Mitmenschen andererseits umgehen lernen.
Wimmelbild und Fragen

Einfache beschreibende Fragen

Welche Philo-Kinder erkennst du?

Vertiefende Fragen

Was will der Hausmeister von den Philo-Kindern? Wer ist deiner Meinung nach schuld an diesem Schaden? Warum?

Weiterführende Fragen

Müssen wir immer die Wahrheit sagen? Gibt es Situationen, in denen es besser ist, nicht die Wahrheit zu sagen? Könnt ihr Beispiele nennen?

Philo-Geschichte und Fragen

Die Lehrpersonen finden hier eine Reihe von Fragen als Anregungen für das Gespräch über die Philo-Geschichte und/oder das Wimmelbild.

Die Reihenfolge spielt dabei keine Rolle. Die Lehrperson kann sie verwenden, um auf die Antworten der Schülerinnen und Schüler einzugehen, um die Diskussion zu vertiefen oder sie weiter zu führen, die Antworten der Schülerinnen und Schüler miteinander zu verbinden und/oder in einen Zusammenhang mit den Szenen auf dem Bild zu bringen.

Einstieg in die Geschichte

Es ist später Nachmittag, die Sonne scheint, alles ist friedlich. Tigi, die getigerte Katze von Wanja Wild, liegt schnurrend neben ihr. Tigi ist die liebste und verschmusteste Katze der Welt. Deshalb liebt Wanja Wild sie so sehr. Neben Wanja Wild und ihrer Katze ist auch noch Ronny Ruhig da, der wie immer lächelnd auf seiner Bank sitzt. Pippa Pfiffig ist auch da. Sie sitzt neben Ronny Ruhig. Alle geniessen die warmen Sonnenstrahlen und die friedliche Stille.

Einleitende Frage

Findet ihr, dass ich das Richtige getan habe?

Diskussionsfrage

Ist es erlaubt zu lügen, um Streit zu vermeiden? Oder um zu vermeiden, dass jemand verletzt wird? Oder um zu vermeiden, dass jemand wütend wird? Nicht mehr meine Freundin oder mein Freund sein will? Warum? Unter welchen Umständen?

Weitere Materialien Eine Auswahl von Bilderbüchern kann zur Vertiefung und/oder als Einführung in das Thema genutzt werden. Die aufgeführten Referenzwerke dienen dazu, weitere Denkanstösse zu geben.

Erste Erfahrungen aus der Einführung und erste Forschungshypothesen

Die Einführung des Lehrmittels wurde nicht systematisch durch ein Forschungsprojekt begleitet. Samuel Heinzen und Christine Fawer Caputo führten in einer ersten Testphase Gespräche mit vier Lehrpersonen. Es zeigte sich, dass das Lehrmittel von den Lehrpersonen als leicht handhabbare Stütze für den Einstieg und die Entwicklung von Nachdenkgesprächen gesehen wird. Die befragten Lehrpersonen zeigten zudem eine Tendenz, die Moderationstechnik auch auf die Besprechung von Kinderliteratur auszuweiten (Fawer Caputo / Heinzen in print).

In einem grösseren Projekt zur fachdidaktischen Entwicklungsforschung, «Kompetenzorientierte (philosophische) Gespräche führen» (PH Bern, 2017–2019) in den Zyklen 1 und 2, beobachtete Sophia Bietenhard anhand der Erhebungsmaterialien aus den Gesprächssequenzen, dass die Gesprächsführung beträchtliche Anforderungen an die Lehrpersonen stellt. Manchmal bemerken diese die eigentlichen Hürden erst, wenn sie die Gesprächsmethoden konsequent anwenden, die Gespräche an den Lernenden und deren Redeanteil orientiert moderieren oder diese erkenntnisorientiert inhaltlich strukturieren möchten. Die Schwierigkeiten werden sichtbar, wenn das Gespräch stockt, wenn nur Kurzantworten kommen, sich immer die gleichen Kinder beteiligen oder das Gespräch sich im Kreis dreht. Dabei werden auch die Rolle und das Selbstbild der Lehrperson zur Diskussion gestellt: Inwiefern will sie Gespräche auf ein bestimmtes, vorgefasstes Ziel hinsteuern oder grösstmögliche Offenheit ermöglichen? Wie und in welcher Position sieht sie sich selbst im Gespräch: als Impulsgeberin, Leitfigur, Strukturierungshilfe oder Gesprächspartnerin? Und entspricht das Ergebnis, das sich in der Beteiligung und in den Beiträgen der Schülerinnen und Schüler äussert, auch diesem Selbstbild? Diese zu diesem Zeitpunkt noch nicht vertieft am Erhebungsmaterial ausgewerteten Wahrnehmungen werden jedoch durch vorhandene Untersuchungen gestützt (de Boer 2015).

Lehrpersonen, die regelmässig auf die Lernenden hin orientierte Gespräche führen, bemerken jedoch den Gewinn sowohl in Bezug auf den sachlichen, dialogischen und sozialen Lernfortschritt ihrer Schülerinnen und Schüler als auch in Bezug auf eine Entlastung der eigenen Rolle: sie nehmen sich weniger steuernd und kontrollierend als vielmehr partizipierend und gleichberechtigt wahr.

Erste Ergebnisse aus der Studie «Pratiques d’enseignement en éthique et cultures religieuses» der Forschungseinheit «Didaktik der Ethik und der Religionskunde» der PH Freiburg und des Centre de compétences romand des didactiques disciplinaires (2Cr2D) zeigen, dass in Gesprächen, die mit diesem Lehrmittel geführt werden, die Schülerinnen und Schüler einen relativ grossen Anteil an Sprechzeit bekommen, was auch den Forderungen der kinderphilosophischen Methoden entspricht. Lehrpersonen scheinen zudem in diesen Gesprächen weniger anweisende oder moralisierende Sprachhandlungen (wie z. B. «Diejenigen sollen aufstrecken, welche das auch wichtig finden!»; «Haben sich nicht manche auch gefragt, ob sie nicht gemein waren zu …?»), sondern häufiger reflexive Sprachhandlungen (wie z. B. «Wenn sie nicht geschummelt hätte, was wäre passiert?») zu vollziehen, als dies Lehrpersonen machen, die nicht mit dem Lehrmittel arbeiten (Hess / Brumeaud eingereicht).

Aus den ersten Ergebnissen kann die Hypothese formuliert werden, dass das Nutzen des Lehrmittels «Die Philo-Kinder» zu Herausforderungen für die eigene berufliche Entwicklung führt.

Impressum

Die Philo-Kinder – zehn grosse Fragen zum gemeinsamen Nachdenken über das gute Leben. Ein kinderphilosophisches Lehrmittel für das sozialkundliche und ethische Lernen im Kindergarten und auf der Unterstufe (Zyklus 1). Lausanne 2019.

Konzept und Redaktion

Christine Fawer Caputo (HEP Vaud)
Samuel Heinzen (PH Freiburg)

Adaption der deutschsprachigen Ausgabe:
Sophia Bietenhard (PH Bern)
Petra Bleisch (PH Freiburg)

Bestellung

Koffer: www.editions-agora.ch/page.php?label=catalogue&ida=94

Matte: www.editions-agora.ch/page.php?label=catalogue&ida=95

Literatur

Bietenhard, Sophia / Juska-Bacher, Britta (2019): Ich mit dir und ihr mit uns. Beziehungen erleben und ausdrücken. Dossier 4bis8. Bern.

Bietenhard, Sophia / Bleisch, Petra (2019): Die Philo-Kinder. Zehn grosse Fragen zum gemeinsamen Nachdenken über das gute Leben. Adaption für die deutschsprachige Ausgabe, Lausanne, www.philokinder.ch/dossier.

de Boer, Heike (2015): Lernprozesse in Unterrichtsgesprächen, in: de Boer, H. / Bonanati M. (Hrsg.): Gespräche über Lernen – Lernen im Gespräch, Wiesbaden, S. 17–36.

Dubach, Alfred / Fuchs, Brigitte  (2006): Ein neues Modell von Religion. Zürich.

Fawer Caputo, Christine / Heinzen, Samuel (2017): Moyen Les Zophes. Dix grandes questions pour construire une réflexion éthique, Lausanne, www.zophes.ch.

Fawer Caputo, Christine / Heinzen, Samuel (in print): «Les Zophes», une méthode de philosophie pour enfants conçue pour le début de la scolarité, in: Diotime. Revue internationale de didactique de la philosophie.

Heinzen, Samuel (2011a): Perspectives pour l’enseignement de la philosophie à l’école enfantine et primaire en Suisse romande, in: Diotime. Revue internationale de didactique de la philosophie n° 47, www.educ-revues.fr/DIOTIME/AffichageDocument.aspx?iddoc=39489 (22.04.2020).

Heinzen, Samuel (2011b): Principes d’un didacticiel de philosophie pour enfants et adolescents (PPEA) en ligne pour les enseignants de l’enfantine, du primaire et du secondaire 1 (Suisse), in: Diotime. Revue internationale de didactique de la philosophie n° 48, www.educ-revues.fr/DIOTIME/AffichageDocument.aspx?iddoc=39604 (22.04.2020).

Heinzen, Samuel / Ducotterd, Jean (2018): Motivation et démotivation d’enseignantes du degré primaire à la pratique de la philosophie pour enfants à l’école primaire. Diotime. Revue internationale de didactique de la philosophie n° 78, www.educ-revues.fr/DIOTIME/AffichageDocument.aspx?iddoc=112482 (22.04.2020).

Heinzen, Samuel / Ducotterd, Jean / Hess, Anne-Claude (2009): Méthode d’analyse interlocutoire de la progression de la pensée conceptuelle en philosophie pour enfants, in: Childhood and philosophy, 5(9), S. 53–76.

Helzel, Gudrun / Michalik, Kerstin (2015): Kindliche Entwicklungsprozesse beim Philosophieren mit Kindern – Eine empirische Untersuchung zu Mehr-Perspektivität und Ungewissheitstoleranz, in: Fischer, H.-J. / Giest, H. / Michalik, K. (Hrsg.): Bildung im und durch Sachunterricht, Bad Heilbrunn, S. 189–196.

Hess, Anne-Claude (2014): L’encadrement aporétique en PPEA ou comment faire progresser la pensée des enfants et des adolescents en mettant leur entendement dans l’embarras, in: Childhood and philosophy, 10(19), S. 55–86.

Hess, Anne-Claude / Brumeaud, Quentin (eingereicht): Finalités et pratiques de l’enseignement de l’ECR, quelles adéquations ?, in: Zeitschrift für Religionskunde 8.

Lipman, Matthew (2003): Thinking in education, 2nd edition, London.

Martens, Ekkehard (2003): Methodik des Ethik- und Philosophieunterrichts. Philosophieren als elementare Kulturtechnik, Hannover.

Michalik, Kerstin (2018): Empirische Forschung zu Wirkungen philosophischer Gespräche mit Kindern, in: de Boer, H. / Michalik, K. (Hrsg.): Philosophieren mit Kindern – Forschungszugänge und -perspektiven, Toronto / Opladen, S. 13–33.

Michalik, Kersti (2015): Philosophieren mit Kindern. Sinnkonstitution im Gespräch, in: Gebhard, U. (Hrsg.): Sinn im Dialog. Zur Möglichkeit sinnkonstituierender Lernprozesse im Fachunterricht, Wiesbaden, S. 179–198.

Siebach, Martin / Gebauer, Michael (2014): Identitätskonstruktion im Grundschulalter. Neue Herausforderungen für Schule und Unterricht, in: Sache, Wort, Zahl. Lehren und Lernen in der Grundschule 42/146, S. 4–10.

Zoller Morf, Eva (2010): Selber denken macht schlau. Philosophieren mit Kindern und Jugendlichen, Bern.

Artikelnachweis

Bietenhard, Sophia / Bleisch, Petra (2020): Die Philo-Kinder. Ein Lehrmittel für Kindergarten und Unterstufe (Zyklus 1), in: erg.ch – Materialien zum Fach Ethik, Religionen, Gemeinschaft (Online-Publikation), www.ethik-religionen-gemeinschaft.ch/bietenhard-bleisch-die-philo-kinder/


Über Sophia Bietenhard

Dr. Sophia Bietenhard ist Dozentin für Fachstudien/Fachdidaktik Natur, Mensch, Gesellschaft sowie Religionswissenschaften und Ethik am Institut Vorschul- und Primarschulstufe der Pädagogischen Hochschule Bern.

Über Petra Bleisch

Dr. Petra Bleisch Bouzar ist Dozentin für Fachdidaktik NMG (Schwerpunkt Ethik und Religionskunde) sowie Berufsethik und Leiterin der Forschungseinheit «Didaktik der Ethik und der Religionskunde» an der Pädagogischen Hochschule Freiburg i. Ue.